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Ein schwarz-weiß Bild von einem Mann, der ebenfalls fotografiert. Im Hintergrund steht ein Auto und ein weiterer Mann läuft in das Bild

»Er kannte jede Berühmtheit zwischen Hollywood und Cinecittà«

28.11.2016

Der Filmemacher und Filmkritiker Gideon Bachmann ist im Alter von 89 Jahren in Karlsruhe gestorben. Sein Freund Edgar Reitz erinnerte sich an ihre erste Begegnung beim Kurzfilmfestival in Oberhausen. Dieser Text ist anlässlich der Ausstellung »Film Art on Air«. Gideon Bachmanns Gespräche mit Kino-Persönlichkeiten 1955–1997, die derzeit im ZKM zu sehen ist, entstanden.

»Das erste Mal begegnete ich Gideon Bachmann auf dem Kurzfilm-Festival von Oberhausen. Wenn ich mich recht erinnere, war es 1961 im Jahr vor dem in die Filmgeschichte eingegangenen Oberhausener Manifest. Also vor 55 Jahren! Wir waren jung und unerfahren und zeigten unsere frühen Kurzfilme mit dem Ausdruck der verzweifelten Suche nach Anerkennung. 

Gideon trat als eine legendäre Figur in unsere Wahrnehmung, denn er kam aus der großen internationalen Welt des Films zu uns, kannte jede Berühmtheit zwischen Hollywood und CineCitta, sprach alle Sprachen und saß an allen Tischen.

Edgar Reitz über Gideon Bachmann

Von Gideon bemerkt zu werden, war für uns damals schon eine Auszeichnung.

Später, als ich selbst einige Erfolge vorzuweisen hatte und mit meinen Filmen auf den Festivals auftreten durfte, war Gideon die überall präsente Persönlichkeit, immer interessiert, immer mit dem Gestus der Freundschaft. Wenn man in Cannes oder Venedig an Gideons Seite durch die Festival-Szene schweifte, wurde man von ihm mit zahllosen Menschen bekannt gemacht.

Immer waren es die Großen, die Filmemacher, Produzenten, Filmwissenschaftler, Autoren oder Schauspieler, die Gideon einem vorstellte. Mit allen verband ihn innige Freundschaft, alle waren seine Duzfreunde, und Gideon sprach ihre Sprachen fließend. Englisch, Italienisch, Französisch oder Hebräisch – es war unfassbar!

Edgar Reitz über Gideon Bachmann

Einmal sagte er mir, man dürfe sich von seinem akzentfreien Deutsch nicht täuschen lassen, denn es gäbe viele Worte, die ihm unbekannt seien. Das aber merke keiner, weil er über ein so seltenes Gehör verfügte, das ihm die Aussprache und den Klang bis in seltene Dialektfärbungen erschließe und ihn zur Nachahmung befähigte. Natürlich muss dieses Talent auch eines der Geheimnisse seiner ungeheuren Kommunikationsfähigkeit gewesen sein. Dass Gideon mit diesem Gehör und dieser Sprachempfindlichkeit zu einer Art »Vasari des Films« geworden ist, verwundert nicht. Wenn ich an diese Jahre denke, in denen Gideon auf jedem Filmfestival der Welt auftauchte und überall seine Stimmen-Aufnahmen machte, sehe ich dieses seltsame Bild eines Fischers vor mir, der seine Angel auswirft. Gideon hatte sich tatsächlich ein absurd wirkendes Gerät konstruiert, das er um den Hals hängend trug und das mit einer weit ausladenden Mikrofon-Angel verbunden war, die er auf seinem Rücken befestigt hatte. So konnte er über eine Menschenmenge und die sich drängelnden Journalisten hinweg sein Mikrofon in unmittelbare Nähe der Künstler bringen, die ihn interessierten. Gideon belauschte sie aus nächster Nähe, ohne sich selbst ins Schlachtgetümmel des Alltagsjournalismus zu stürzen.

Gideon ist immer ein Freund gewesen. Das erreichte er durch seine grenzenlose Begeisterungsfähigkeit und sein nie endendes Interesse an den Menschen und ihren Gedanken.

Edgar Reitz über Gideon Bachmann

Wir haben viele inspirierende Gespräche über die Frage geführt, was wohl der stärkste soziale Antrieb der Menschen sei. Gideon erkannte und formulierte den Zusammengehörigkeitstrieb. Jeder Mensch, so erklärte er mir, fürchtet nichts mehr als das Alleinsein, als das Gefühl, zu keinem anderen zu gehören. Aus diesem sozialen Verlangen sind die meisten Biographien zu erklären, aber auch die meisten Konflikte und sogar die Kriege, wenn es darum geht, dass die verschiedenen Zugehörigkeiten sich in die Quere kommen. Zugehörigkeit ist Gefahr und Traum zugleich. Aus diesen Gesprächen mit Gideon ist auch meine Beschäftigung mit dem Thema Heimat erwachsen.

Es war im Jahre 1994 als ich Gideon in einem ganz und gar desolaten Zustand in Berlin auf dem Festival traf. Seine Frau, die Fotografin Deborah Beer war nach einer schrecklichen Krankheit in Rom gestorben und Gideon war so tief in der Seele verwundet, dass ich fürchten musste, dass er den Verlust nicht überleben wird. Es war das Jahr, in dem ich das Institut an der HFG Karlsruhe zu gründen gedachte. Ich bot Gideon an, nach Karlsruhe zu kommen und mit mir und Lothar Spree ein Zentrum des Autorenfilms in Karlsruhe zu etablieren. Es war eine trostreiche Erfahrung, dass Gideon durch diese Aufgabe zu neuem Leben erwachte. Unvergesslich sind mir seine Äußerungen über die Liebe, die er zu Deborah umso intensiver empfand, je mehr Zeit verging und je stabiler er in der Arbeit wieder wurde.

Es gibt viele Geschichten die ich aus diesen Jahren über Gideon erzählen könnte, Geschichten von gemeinsamen Reisen zu den Funktionären der Europa-Behörden in Brüssel oder Straßbourg, Geschichten von Begegnungen mit ungezogenen Kindern ehemaliger Achtundsechziger, Geschichten von Besuchen bei Bernardo Bertolucci in Rom. Auch seine Obsessionen, seine Abneigung gegen mechanische Geräusche und Nervositäten und seine Allüren mit seinem sensationell optimierten Reisegepäck in Flugzeugen. Gideon Bachmann ist ein unverkennbarer Charakter, ein Mensch, der an Tausenden von Orten der Welt seine Spuren hinterlassen hat und dessen Stimme man unter Tausenden von Stimmen heraushören kann. Immer wieder bekam man zu hören, dass er wie kein anderer der Zeit widersteht. Oft war er unter den Anwesenden trotz seines höheren Alters der Jüngste.«

Über den Autor

Edgar Reitz ist eine zentrale Figur des Autorenfilms der 1980er-Jahre. Mit seinem beinahe 60-stündigen Filmzyklus »Heimat« gelang Reitz sein größter Erfolg. Er war Professor für Film an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung (HfG) Karlsruhe.

Kategorie: eintauchen

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