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Ein Desktop mit geöffneten Programmen

Martine Neddam: My DesktopLife

03.11.–10.12.2014

Im Strom von Zeit, Geschichte und Eindrücklichkeit
Über die visuelle Poesie im Film »This is Home« von Martine Neddam
 
Ein Vogelzwitschern. Ist es Frühling? Aus dem Off spricht eine Frauenstimme. Kaum, dass man in den ersten Momenten etwas versteht, denn das Reden ist eher ein Flüstern. Es wird lauter. Währenddessen fließt ein Porträt der Schauspielerin Tilda Swinton als Orlando aus dem gleichnamigen Film von 1993 durch das Bild. Texte wie »My Desktop« oder »IS« schweben über die Oberfläche, die aufgrund der Menüleiste am oberen Bildrand unzweifelhaft als Desktop-Bild eines Personal Computers zu erkennen ist. Dabei wechseln die Hintergründe, zumeist Fotos, die Martine Neddam während ihrer vielen Reisen nach Indien aufnahm, etwa in die Provinz Orissa, in der es noch Stämme wie in Afrika gibt. Außerdem verwendete sie ein kleines Gemälde von Francis Alÿs mit einem Jungen, der träumend – oder tot – vor einer Maschinenpistole liegt. »This is Home« hört man. Und dies ist der Titel der mit 7:47 Minuten bislang längsten Arbeit im Rahmen der Werkgruppe »MyDesktopLife« (2014). Oder: »You are inside my head«. Irgendwann tippt sich der komplette Text auf den Bildschirm:
 
»Hello my computer, bonjour
Every morning I greet you, I reboot you…
This is my life with you,
an animated life.
You are inside my head, I am in your memory, our living room is the desktop.
This is where we live together.
I look at the background pictures, I remember where I took them
documents still laying around…
This is my life with you.
This is home.«
 
Dieser Film läuft im Browser ab. Und nur im Browser. Es die Reflexion von essentiellen Erfahrungen, die jeder, der einen Computer mit grafischer Benutzeroberfläche in Gebrauch hat, teilen wird: Es ist ein Bild, das sich stets verändert. Dateien kommen hinzu, werden verschoben oder gelöscht. Ein neuer Ordner erstellt, wieder verschoben. Und dann öffnet man nicht nur Programme, sondern Fenster im Dateimanager, um Files zu suchen, auszuwählen, zu verschieben, zu öffnen oder zu löschen. Momente der Konzentration und Reflexion wechseln mit Momenten der Zerstreuung, denn wir sind nicht fürs parallele Verarbeiten mehrerer Aufgaben geschaffen, obschon kaum jemand heute nur eine einzige Tätigkeit am Computer unternimmt. Beobachten Sie sich: Es läuft ein Medienprogramm, der E-Mailer, Browser und die Textverarbeitung, der Chat und Skype, und alle erwarten in unterschiedlicher Intensität Aufmerksamkeit. Denn diese Programme und Systeme sind genau so programmiert: Sie buhlen darum, dass man sich mit ihnen beschäftigt. Das Ergebnis des scheiternden Multitaskings: Die Künstlerin geht im Rahmen ihrer jüngsten Arbeiten von einer fundamentalen Erfahrung aus, die Benutzer in Interaktion mit dem Computer erleben. Das Arbeiten am Monitor, so sagt Martine Neddam, ist mit einer stetig fließenden, filmischen Situation vergleichbar: „’MyDesktopLife’ repräsentiert einen Bewusstseinsstrom in verschiedenen Layern aus miteinander verschmolzenen Bildern, Texten, Sounds und Stimmen“, beschreibt sie ihre Arbeit.

Es als Stream zu bezeichnen, ist nicht untertrieben. Auf stille, irritierende, poetische Art und Weise veranschaulichen sich im Browser Tagträume und Reflexionen über das Tun vor dem Computer, angeregt von den Impressionen, die das geistige Auge in Zeiten kleiner Absenzen evoziert. In »This is Home«, dem eigens für ArtOnYourScreen (AOYS) produzierten Film, vermischen sich mit Bildern des Desktops, Fotos, Erinnerungen, Text und automatisierten Übersetzungen, eingefärbt zu flüchtigen Stimmungen. Bisweilen stören unerwartete Pop-Ups oder Signaltöne den Betrachter dieses inneren Films auf, nehmen ihn dann wieder mit in den je eigenen Strom aus persönlichen Erinnerungen und gespeicherten Daten. Auf diese Weise werden verschiedene Ebenen miteinander in eine anschauliche Verbindung als filmischer Ablauf gebracht: Worte, interpretierende, erläuternde Satzfragmente über das Erinnern, den Computer, das Zuhause und das Verhältnis zwischen Nutzer und Rechner treffen auf Bilder, die die Künstlerin auf ihren Reisen aufnahm, die wiederum nur mehr als unscharfe Erinnerung gelten können und in Form von Fotografien eine starre Unveränderlichkeit vorgeben und manifestieren, die ihnen eigentlich nicht zukommt. Denn Erinnerungen sind fluide. Außerdem treffen sie, und das ist vielleicht das Paradoxe, auf technische Symbole, die ebenfalls zur jetzigen Zeit Geschichte sind, weil jüngst wieder einmal eine neue Version des Mac OS-Betriebssystems, Apple ist primäre Arbeitsplattform der Künstlerin, auf den Markt gekommen ist. Und sie reflektieren im Prinzip die steuerungslose Netzerfahrung des »Surfens« im Internet, einer Kulturtechnik, die aufgrund der Überpräsenz von Mega-Plattformen wie Facebook oder Google mittlerweile nicht mehr ausgeübt wird. Genaue Adjektive für diese bislang nicht dagewesene Weise, über die Relation zwischen Mensch und Maschine zu reflektieren, zu finden, fällt schwer. Es ist gerade die außerordentliche Qualität dieses künstlerischen Konzepts, eine Anschauungsform zu generieren, die jenes auf eine uneindeutige, offene wie melancholische Weise versinnbildlicht. Dieser Bereich der Arbeit ist sozusagen der Showroom der Künstlerin in AOYS. Ein Blick backstage wird jedoch auch geboten.
 

Zur Software

Wie entsteht solch ein Film? Was für ein Tool kam zum Einsatz. Ein Blick hinter die Kulissen: Dass Software dem Ergebnis der Arbeit einen eigenen Stempel aufdrückt, ist längst ein Gemeinplatz. Lev Manovich beantwortete jüngst in seinem Buch »Software takes Command« (2013) Fragen nach der Art und Weise dieser Beeinflussung anhand von bedeutenden Produkten der Branche. An Analysen mangelt es demzufolge nicht. Dennoch bieten sich in der Regel kaum Alternativen zu diesen von Manovich so unreflektiert und als gegeben akzeptierten Tools an. Zu groß scheint die Marktmacht der Softwaregiganten zu sein. Ist Photoshop von Adobe tatsächlich dass Nonplusultra der Bildbearbeitung? Oder ist es nicht vielmehr ein Klischee, dass der Produktname – zweifelsohne kultig und cool – schon seit Jahren als Synonym für die Manipulation von Jpegs, Tiffs oder Gifs fungiert. Ein Blick zurück: In einer Zeit, bevor wir Schreiber, Fotografen, Gamer, Hobbyisten, Spaßprogrammierer überhaupt an informatisierte Erfüllung unserer Automatisierungs- und Manipulationswünsche dachten und immer noch vor der Gabriele von Triumph-Adler, vor den Spielbrettern von Mensch-Ärgere-Dich-Nicht saßen oder mit den Händen im flüssigen Fixierer in abgedunkelten Kammern vor uns her wurschtelten, wurde ein System erfunden, das einer ziemlich einfachen Logik folgte: Für jede Aufgabe ein kleines Programm. Das ist im Groben die Devise von Unix. Dieser Werkzeugkofferphilosophie verdankt der Nutzer Tools, die Aufgaben flott und vor allem in zu vereinheitlichender Weise ohne eine grafische Benutzeroberfläche erledigen. In so genannten Shell-Skripten kann man Programme außerdem kombinieren und für wiederkehrende, gleiche Aufgaben stets verwenden. Dagegen ist der Trend zu immer dickeren Programmpaketen gerade im Grafik- und Multimedia-Sektor so offenkundig, dass er sich nur als eine Finte einer Allianz aus Soft- und Hardwareindustrie interpretieren lässt: dickere Programme brauchen leistungsfähigere Computer, also kaufe ich mit jedem neuen Upgrade auch gleich einen neuen Rechner dazu. Außerdem sind die eingebauten Filter standardisiert. Man sieht den Produkten an, wie sie mit welchen Mitteln entstanden sind. Der Stempel der Programmierer. Kein Wunder, ist Software immer beschränkt.

Martine Neddam gab sich mit dieser Situation allerdings nicht zufrieden und arbeitete zusammen mit dem Programmierer James Hudson an einer eigenen Software, die natürlich auch begrenzt ist, nicht zuletzt mit Blick auf das momentane Einsatzgebiet. Mit Hudson entwickelte Neddam für ihren Werkkomplex »MyDesktopLife« eine speziell auf ihre künstlerischen Bedürfnisse hin zugeschnittenes Onlinetool auf der Basis offener Standards. Es ist mit einer Videoschnittsoftware vergleichbar. Über eine Zeitleiste lassen sich Inhalte zufügen, dirigieren, verändern. Neddam erstellt damit im weitesten Sinn Filme über den sich stetig wandelnden Desktop ihres Computers. Jetzt plant die Künstlerin ein komplettes Content Management Systems für künstlerische Zwecke.

Autor: Matthias Kampann
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