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Verschieden-farbige streifen

Robert M. Ochshorn: Screen Dreams

06.10.–02.11.2014

Was ist der Schlaf? Was ist Kompression von Daten? Und was sind Metadaten? Und wie hängen diese Dinge eigentlich zusammen? »Screen Dreams« (2014) lautet der poetische Titel der Arbeit von Robert M. Ochshorn für AOYS, der diese Zusammenhänge in einer neuen Weise erfahrbar macht. Im Zentrum steht – metaphorisch gesprochen – der Versuch, dem Computer die Fähigkeit des Menschen beizubringen, während des Träumens Gedächtnis und Erinnerungen zu bilden. Erinnern heißt, die Repräsentationen von Geschehnissen zu ordnen und einzuordnen. Im Unterschied zum Menschen erlaubt es der Computer, große Mengen an Informationen über Daten in einer einzigen, riesigen Tabelle zu speichern. Im Fachjargon »Spreadsheet« genannt, dienen diese in Kalkulationsprogrammen zur Darstellung von Zahlen bzw. Textverhältnissen. Robert M. Ochshorn nutzt diese Darstellungsweise, um dem Besucher seiner Maschine, also seines Kunstwerks, das virtuelle Gedächtnis des Zentrums für Kunst und Medientechnologie in gänzlich ungewohnter Weise als ein riesiges, lebendiges Tabellenblatt zu präsentieren. Die Daten selbst sind diejenigen Dateien, die das Institut quasi als ihr öffentliches, virtuelles Gedächtnis ins Internet gestellt hat. Eine zentrale Rolle spielen dabei die so genannten Metadaten, also Informationen, die in Datenbanken mit der eigentlichen Datei als Individualisierungsmerkmale gespeichert werden. Das können beispielsweise im Fall von Videos unter anderem Aufnahmedatum, Angaben zum Dateiformat, Schlagworte zum Inhalt, Personen, die auftauchen, oder ein Filmtitel sein. Damit setzt sich Ochshorn konkret mit einer ganz besonderen Sammlung des ZKM auseinander, die eher unter technischen als unter musealen Aspekten betrachtet wird.

Der Künstler experimentiert mit dem Verhältnis von maschinellem Speichern zu menschlichem Erinnern. Hinter der Arbeit steht die Vorstellung, dass das Gehirn eine aus vielen Ebenen bestehende Hierarchie von Verarbeitungs- und Abstraktionsprozessen einsetzt, um aus Wahrnehmungen einen Sinn von der Welt in Form einer für jeden einzigartigen symbolischen Schicht des Bewusstseins zu konstruieren. Sie wird auf bidirektionale Weise aufgebaut. Sie kann Stimuli aufnehmen und Wahrnehmungen reproduzieren. Ein Teil der Verarbeitung geschieht im Schlaf. Sein Versuchsaufbau geht von der Prämisse aus, dass Träume die Begleiterscheinungen im Prozess von Gedächtnisbildung und -organisation sind. Beim Menschen wirken sie aktiv auf das Gedächtnis, die Erinnerung und die »Ordnung« im »Speicher«. Der Computer stößt im Vergleich dazu schnell an seine Grenzen. Im Unterschied zu den äußerst komplizierten Prozessen, die im menschlichen Gehirn während des Schlafs ablaufen, speichert er Text, Videos, Fotos lediglich gemäß fester Regeln in Dateien auf ein Speichermedium. Diese bleiben konsistent und sind somit im Wesentlichen materieller Natur und starr. Sollte der Traum nun eine dynamische Repräsentation der Reorganisation von Gedächtnis sein, brauch der Computer Nachhilfe. Ochshorn: „Damit der Computer unseren Träumen beiwohnen kann, muss sein Codec neu geschrieben werden.“ Er müsse lernen, die Mauern zwischen den Files einzureißen.

Welche Träume kann in dem Fall ein Computer träumen? Eigentlich nur unsere eigenen. Denn von wem stammen die Daten? Nachdem wir unser Gedächtnis im weitesten Sinne in Form von digitalen Dateien, Verzeichnissen und Datenbanken externalisiert haben, stellt sich die Frage, wie wir als Gesellschaft diese Daten als Erinnerungen neu erleben, wenn wir sie wieder aufrufen. Robert M. Ochshorn sucht hierfür eine spezielle Form. Er programmiert eine träumende Maschine, die unsere Träume träumt. Damit das funktioniert, müssen wir mitarbeiten. Es ist ein Träumen, verhaftet zwischen der Banalität sowie der Starrheit der Ansicht der Einträge, sprich der statischen Spreadsheets, und dem Potenzial, ausgedrückt im Bezugspunkt der Daten, der im Fall von »Screen Dreams« die Videosammlung ist, die das ZKM auf seiner Webseite veröffentlicht.

Zwei Begriffe spielen in diesem Zusammenhang eine hervorgehobene Rolle: Metadaten und Kompression. Das Bestreben des Menschen zielt in der Regel auf die Kontrolle und den Besitz von Metadaten, denn erst sie gewährleisten den Kontakt zu dem und den Zugriff auf das, was wir als bloße Daten externalisiert haben. Nackte Daten sind nach Auffassung von Ochshorn zunächst einmal ohne eigentliche Information. Erst mittels Metadaten entsteht Information, und dies seiner Meinung nach auf zweierlei Arten und Weisen: Kollektiv behandeln wir Metadaten einerseits als Autorität, wenn wir sie als unabänderliche Wahrheiten determiniert haben. Sie können jedoch andererseits als Grundlage und Ausgangspunkt für neue schöpferische Kraft dienen.

Kompression wiederum, so beschreibt es Robert M. Ochshorn, sei eine Art Urteilsvermögen, das sich auf hervorstechende Besonderheiten konzentriere. Es meine die Reduktion der Wiederholungen von Mustern und von Redundanz. Computer gebrauchen algorithmische Kompression auf unsichtbare Weise. Sie sind dazu in der Lage, geschrumpfte Dateien deterministisch zu einer Art Ähnlichem wieder auszudehnen. Das Original ist es dann nicht mehr. Etwas fällt weg. Vielleicht ein vermehrt wiederkehrendes grünes Pixel in dem Foto von einer Spielsituation eines Fußballmatches. Im Unterschied zum Menschen geht es im Kompressionsalgorithmus natürlich extrem regelhaft zu. Die Abschwächung und Verstärkung unserer menschlichen Erinnerungen hingegen, so wie sie sich im Schlaf ereignen, ist dem digitalen Speichern unbekannt.

Vordringlich brauchen wir Zugang zur digitalen Kompression sowie Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine, Synopsen und Synekdoches, die uns helfen, nach immer größeren Katalogen mit Erinnerungen aus unserer Vergangenheit zu greifen und diese zu interpretieren. Screen Dreams benutzt Metadaten in einem neuen Kompressionsinterface anhand von Videos aus der Sammlung des ZKM. Während der User durch »Screen Dreams« navigiert, erschafft er Assoziationen und Pfade, die wiederum in und von Screen Dreams inkorporiert werden. Ochshorns Software überwacht die gesamten Interaktionen der Nutzer mit der Maschine. Sein Programm zeichnet jede Form digitaler Eingaben auf, speichert sie jedoch nicht einfach in Dateien ab, sondern übergibt sie an Prozesse quasi im Schlaf, die eine vereinheitlichende Repräsentation errechnen.

Autor: Matthias Kampann
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