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Glasgebäude mit weißem Banner mit Globale Schriftzug

KARLSRUHE – A HIDDEN CHAMPION?

Dieser Essay  erschien im  Mai 2015 als ZKM-Beilage in der »KUNSTZEITUNG« Nr. 255.

 

In der Zeitschrift »The New Yorker« wunderte sich George Packer am 1. Dezember 2014 über »The Quiet German« in Berlin. So nimmt es wunder, dass gerade in einer deutschen Stadt, die wie Karlsruhe mit ihrem Namen Ruhe verspricht, so gerne für Unruhe gesorgt wird. Wie ist es möglich, dass sich am Rand der Republik eine »Gelehrtenrepublik« entwickeln konnte? Und weshalb kommen Menschen aus der ganzen Welt nach Karlsruhe, um am KIT (Karlsruher Institut für Technologie), der Akademie der Künste, der Hochschule für Musik oder der Staatlichen Hochschule für Gestaltung zu studieren oder um im Kreativpark Alter Schlachthof ihr Start-up-Unternehmen zu gründen? Baden-Württemberg zählt zu den Bundesländern der unbekannten Weltmarktführer, der »Hidden Champions« (H. Simon, 1990). Ist Karlsruhe auch so ein »Hidden Champion«?

Karlsruhes Aufstieg zur modernen Stadt ist vorrangig seinen gegenwärtigen Geistesgrößen und seiner demokratisch-liberalen Geschichte zu verdanken. Von der Karlsruher Bürgerschaft in den 1880er-Jahren bis zurück zum Karlsruher Herrscherhaus, allen voran Markgräfin Karoline Luise (1723–1783), herrscht eine zukunftsoffene, kulturinspirierte Gesinnung in Karlsruhe.

 

Musterstadt für Bürgerrechte, Künste und Wissenschaften

Bereits im Gründungsjahr animierte der von Markgraf Karl Wilhelm von Baden-Durlach am 24. September 1715 erlassene Privilegienbrief durch weitreichende Freiheiten und Vergünstigungen viele Menschen zur Ansiedelung und zu Existenzgründungen in Karlsruhe. Dieser freiheitliche Geist der Gleichheit und Gerechtigkeit wirkt bis heute. Zur bedeutenden Stadt des Rechts wurde Karlsruhe 1818 durch Karl Friedrich Nebenius mit seiner fortschrittlichen Badener Verfassung, in deren Folge bereits 1822 der erste eigenständige Parlamentsbau Deutschlands errichtet wurde. Mehrfach erfuhr das Karlsruher Ständehaus nationale Aufmerksamkeit für seine Meilensteine der Rechtsgeschichte. So etwa in der Vormärzzeit, als von diesem Ort leidenschaftliche Forderungen nach mehr politischer Mitsprache, Pressefreiheit, Öffentlichkeit und Mündlichkeit von Justizverfahren sowie die Idee bürgerlicher Gleichberechtigung ausgingen. Dadurch erwarb sich Karlsruhe den Ruf einer freiheitlichen Musterstadt, in der im Zuge der Revolution 1848/1849 kurzzeitig sogar die erste Republik Deutschlands ausgerufen wurde. Heute gilt Karlsruhe als die Residenz des Rechts, weil sich die wichtigsten juristischen Institutionen Deutschlands wie das Bundesverfassungsgericht, die Bundesanwaltschaft und der Bundesgerichtshof in Karlsruhe befinden.

Die Fächerstadt Karlsruhe, so genannt wegen ihres fächerförmigen Grundrisses, ist ein einmaliges Ballungsgebiet für Maler, Bildhauer, Musiker, Schriftsteller, Theoretiker, Architekten und Wissenschaftler. Zu den geistesgeschichtlichen Größen, die in Karlsruhe geboren wurden oder gelebt haben, gehören der Dichter und vielleicht wichtigste deutsche Kunsttheoretiker Carl Einstein, aber auch Henry-Daniel Kahnweiler – der Galerist der Kubisten war in seiner Jugend in derselben Karlsruher Bank wie Carl Einstein tätig.

Mehrere Malergenerationen haben in Karlsruhe an der 1854 gegründeten Staatlichen Akademie der Bildenden Künste studiert und gewirkt. Der Landschaftsmaler Johann Wilhelm Schirmer, die Gruppe der Grötzinger Malerkolonie sowie Hans Thoma, Karl Hofer und der Typograf und Buchgestalter Emil Rudolf Weiß, die Malerinnen und Maler der Neuen Sachlichkeit wie Karl Hubbuch, Willi Müller-Hufschmid, Hanna Nagel und Georg Scholz, Dadaisten wie Rudolf Schlichter sowie Künstlerpersönlichkeiten nach 1945 wie HAP Grieshaber und Erich Heckel. In den 1980er-Jahren haben Georg Baselitz, Per Kirkeby, Markus Lüpertz mit anderen das Profil geprägt. Heute unterrichten dort Franz Ackermann, Silvia Bächli, Stephan Balkenhol, John Bock, Ernst Caramelle, Axel Heil, Corinne Wasmuht und Kunsthistoriker wie Rainer Metzger.

Auch vorbildliche Architekten wie Egon Eiermann, Hermann Billing, Erich Schelling, Ole Scheeren und O. M. Ungers kommen aus Karlsruhe oder wurden hier tätig. Schriftstellerinnen wie Karoline von Günderrode und Marie Luise Kaschnitz wurden ebenso in Karlsruhe geboren wie Gustav Landauer, Mitglied der Münchner Räterepublik (1919). Clara Zetkin hielt ihre revolutionäre Rede am 1. Mai 1913 in Karlsruhe. Wegbereiterinnen der Fotografie des 20. Jahrhunderts wie Ellen Auerbach und Hilde Hubbuch stammen aus Karlsruhe.

Die 1992 von Heinrich Klotz neu gegründete Staatliche Hochschule für Gestaltung (HfG) setzt die Tradition der Hochschule für Gestaltung in Ulm und des Bauhauses in Weimar und Dessau fort. Ihr Rektor war jahrelang einer der berühmtesten und bedeutendsten Philosophen Europas: Peter Sloterdijk. Aber ebenso international renommierte Kunsttheoretiker wie Hans Belting, der Vater der Bildwissenschaft in Deutschland, Siegfried Gohr, Boris Groys, Dietmar Kamper, Heiner Mühlmann, Gislind Nabakowski, Wolfgang Ullrich, Beat Wyss und Architekten wie Wilfried Kühn und Daniel Libeskind haben an der HfG unterrichtet, ebenso bekannte Medienkünstler wie Michael Bielicky, Didi Danquart, Elger Esser, Günther Förg, Ludger Gerdes, Candida Höfer, Stephan von Huene, Mischa Kuball, Marie-Jo Lafontaine, Armin Linke, Marcel Odenbach, Thomas Struth, Andrei Ujica, Ulay, Klaus vom Bruch und Isaac Julien, der auf der Biennale di Venezia 2015 vertreten ist, sowie exzellente Grafiker und Designer wie Volker Albus, Gunter Rambow, Michael Schirner und Sven Völker. Die Staatliche Hochschule für Musik, gegründet 1884, zieht weltweit Studierende nach Karlsruhe, u.a. auch, weil dort einer der berühmtesten und bedeutendsten Komponisten der Gegenwart, Wolfgang Rihm, lehrt. Mit Clara Mathilda Faisst (1872–1948) lebte eine der wenigen deutschen Komponistinnen der Moderne in Karlsruhe. Die einflussreichste deutsche Choreografin der Gegenwart, Sasha Waltz, stammt ebenfalls aus Karlsruhe.

Unruhe stiften auch die Wissenschaften in dieser Stadt. Einige der wichtigsten Erfindungen, welche die Weltgeschichte massiv beeinflusst haben, stammen aus Karlsruhe, nämlich die Medien der materiellen und immateriellen Mobilität: Karl Friedrich Drais patentierte 1818 seine Erfindung des Fahrrads, 1886 Carl Benz das Automobil und im selben Jahr bewies Heinrich Hertz mit seinen Funkenexperimenten die Existenz der elektromagnetischen Wellen, die erstmals die drahtlose Übertragung einer Nachricht ermöglichten. Die gesamte telematische Zivilisation (Radio, TV, Internet, Mobilfunk) verdankt sich dieser Entdeckung. Auch Ferdinand Braun, der Erfinder der Braun’schen Röhre, wirkte in Karlsruhe. Viele wissenschaftliche Koryphäen wie der Chemie-Nobelpreisträger Fritz Haber (1918) und dessen Frau Clara Immerwahr, die Forscherin und Pazifistin, oder der Chemie-Nobelpreisträger Richard Willstätter (1915) und Physiker wie Henning Genz sind in Karlsruhe geboren oder haben hier gearbeitet. An der Technischen Universität Karlsruhe lehrten die einflussreichen Philosophen Hans Lenk, Helmut F. Spinner und der bedeutende Kunsthistoriker Norbert Schneider.

Bereits 1966 publizierte der Karlsruher Wissenschaftler Karl Steinbuch das Werk »Die informierte Gesellschaft«. Karlsruhe ist Sitz führender Internetunternehmen in Deutschland. Die erste E-Mail Deutschlands wurde in Karlsruhe empfangen. Im Bereich Informations- und Kommunikationstechnologie steht Karlsruhe in Europa nach München, London und Paris an vierter Stelle.

 

Bildungshauptstadt

Karlsruhe bietet heute mit seinen Galerien, seiner Kunstmesse art KARLSRUHE, mit der Staatlichen Kunsthalle, dem Badischen Landesmuseum, der Städtischen Galerie, dem Badischen Kunstverein und dem ZKM eine reiche Kulturlandschaft. Eine vielfältige Theaterszene, vom Staatstheater und dem Kammertheater bis zum Sandkorn Theater, verstärkt die Attraktivität Karlsruhes als Kulturmetropole.

Die im 19. Jahrhundert fortschrittlich errichtete Bildungslandschaft war und ist ein unverzichtbares Fundament der Stadt. Zum Beispiel wurde 1893 in Karlsruhe das erste deutsche Mädchengymnasium eröffnet, in dem 1899 Johanna Kappes die Hochschulreife erwarb, um sich anschliessend dank des fortschrittlichen badischen Erlasses zum Frauenstudium als erste ordentliche Studentin Deutschlands an einer badischen Universität zu immatrikulieren.

Karlsruhe weist mit seinen neun Hochschulen eine weitaus höhere Dichte an Hochschulen auf als Städte mit vergleichbarer Größenordnung. Die nach dem Pariser Vorbild 1825 gegründete Polytechnische Hochschule, das heutige KIT, war die erste ihrer Art in Deutschland und wurde zum prägenden Vorbild für die Eidgenössische Polytechnische Schule in Zürich (ETH) und das Massachusetts Institute of Technology (MIT). Das KIT, das aus dem Zusammenschluss der Technischen Universität Karlsruhe und dem Forschungszentrum 2009 hervorging, ist mit seiner Vereinigung von Lehre und Forschung ein einzigartiges wissenschaftspolitisches Experiment und gehört zu den ersten Exzellenzuniversitäten Deutschlands. In Karlsruhe wird das Verhältnis von Kunst, Wissenschaft, Technologie und Gesellschaft unablässig neu verhandelt. Karlsruhe soll gemäß Peter Weibel »die Hauptstadt der BRD, der Bildungsrepublik Deutschland« werden.

Aus diesem Grund findet das neue Kunstereignis im digitalen Zeitalter, die GLOBALE, in Karlsruhe statt.

Text: Peter Weibel

 

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