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Netzkultur

Sie hat eine eigene Sprache, eine eigene Währung, eigene Normen und Werte und bringt ihre eigenen Phänomene hervor. Die Netzkultur – die Kultur des Internets – ist unsere Gegenwart. Mit der Entwicklung des World Wide Web Anfang der 1990er-Jahre hat sie sich etabliert und über den Globus verbreitet. Sie ist in ständiger Bewegung, täglich entstehen neue Symbole und Praktiken. Unlängst hat sich die UNESCO auf Universalregeln geeinigt, die als Basis für unser Handeln im Internet gelten sollen. „Demnach müssten die Menschenrechte die Basis aller Netzregeln, jeder Anwendung und jedes Dienstes bilden.“[1]

Die Netzkultur ist eine Kultur der Partizipation. Die UserInnen sind nicht mehr nur KonsumentInnen, sondern zugleich auch ProduzentInnen von medialen Inhalten. »User-generated content (UGC)« ist das Schlagwort, unter dem sowohl der Aufstieg des Amateurs als auch der Verfall[2] fundierter Inhalte diskutiert wird: UGC, beispielsweise Blogs, sei eine Bereicherung für den Journalismus, urteilen die einen; die Flut an Amateurinhalten trivialisiere unsere Kultur, sagen die anderen.

Wir leben in einer Netzwerkgesellschaft, postuliert der Sozialtheoretiker Manuel Castells zum Beginn des 21. Jahrhunderts.[3] Damit bestimmt er das Netzwerk als vorherrschende Organisationsform, basierend auf elektronischen Kommunikations- und Informationstechnologien. Laut Jeremy Rifkin stehe anstelle von Hierarchie als dem Organisationsprinzip des Zeitalters der Industrialisierung nun die Organisation über dezentralisierte Knotenpunkte für das Informationszeitalter.[4] Zusammengehalten werden diese Knotenpunkte Lev Manovich zufolge mittels Software: „All social, economic, and cultural systems of modern society – run on software. Software is the invisible glue that ties it all together.“[5]

Die Netzkultur basiert auf einer Technologie der verteilten Netze.[6] Der Bildschirm ist unsere Schnittstelle zur Welt. Als vernetztes Individuum kommunizieren wir über soziale Netzwerke, über Blogs und Foren, teilen unsere Erfahrungen und Erinnerungen in Fotocommunitys und auf Videoportalen. Das Internet bietet einen scheinbar unbegrenzten Raum für Kreativität. Die Kunst – vor allem die Netzkunst – hat das Internet von Beginn an für sich entdeckt und als Leinwand für künstlerische und aktivistische Handlungen verwendet.

»Mash-ups« und »Remixes« stehen stellvertretend für eine kulturelle Praxis, die vorhandenes Material modifiziert und neu kontextualisiert. Multimediale Collagen entstehen, die potenziell von der ganzen Welt gesehen und weiterverarbeitet werden können. Die Vorstellung, dass das Internet eine bunte Spielwiese ist, auf der jeder tun und lassen kann, was er möchte, und dass die kreativen Äußerungen das Eigentum des Produzenten sind, ist jedoch Utopie. Wem gehören unsere Inhalte im Netz? Wer kontrolliert und verteilt sie, und wer verdient Geld damit? Fragen, die immer lauter gestellt werden. Firmen wie Google, Facebook und Apple kontrollieren Informationsflüsse und wachen mit Argusaugen über unsere Daten. Sie bestimmen die Wege der Wissensströme und sind hauptverantwortlich für die viel beschworene Informationsblase.[7] Dank ausgefeilter Algorithmen werden wir primär mit Informationen versorgt, die unseren Präferenzen entsprechen – über den Tellerrand soll keiner mehr schauen.

Nichtsdestotrotz bietet uns das Internet eine einzigartige Form der BürgerInnenbeteiligung. Die weltweit größte Petitionsplattform www.change.org ist nur ein Beispiel, das zeigt, wie Demokratie im Netz erfolgreich praktiziert werden kann. Die Netzkultur hat neue Formen der Solidarität hervorgebracht.[8] Wissensplattformen wie Wikipedia, Bewegungen wie Occupy oder Anonymous stehen stellvertretend für das immense Potenzial (positiv wie negativ) der verteilten Netze. Längst beschränkt sich die Netzkultur nicht mehr nur auf das Internet, längst ist eine scharfe Trennung von on- und offline obsolet. So werden Widerstände, Proteste, Spaßaktionen und soziale Bewegungen zwar häufig online initiiert und organisiert, der digitale Funke springt jedoch über und zündet im öffentlichen Raum.

Seit seiner Gründung 1989 setzt sich das ZKM kritisch mit dem Thema Netzkultur auseinander. Mit der Ausstellung »net_condition« wurde 1999 der künstlerische Blick auf das Bedingungsverhältnis, in dem Gesellschaft und Technik zueinander stehen, gerichtet. Zehn Jahre später stand der User im Zentrum der Aufmerksamkeit. Seine Emanzipation vom Betrachter zum Gestalter war Ausgangspunkt für die Ausstellung »YOU_ser«. Erstmalig präsentierte das ZKM damit Konturen dieser damals neuen NutzerInnenkunst. Seit 2011 richten das ZKM und das CyberForum den internationalen AppArtAward aus, einen Wettbewerb, der künstlerische Apps prämiert. Im Fokus stehen unabhängige EntwicklerInnen und deren kreatives Potenzial. Unter dem Titel »ArtOnYourScreen (AOYS)« findet Kunst auf dem Bildschirm statt. AOYS ist ein virtuelles Schaufenster im Netz, das gattungsübergreifend Kunstwerke präsentiert. Diese Kunstwerke entfalten nur im Internet ihren Sinn und fordern die UserInnen auf, die Netzkultur von morgen mitzugestalten.

Literatur

  1. »Unesco einig über ›Universalregeln‹ fürs Internet«, 2013, URL: http://www.heise.de/newsticker/meldung/Unesco-einig-ueber-Universalregeln-fuers-Internet-2053148.html (abgerufen am 11.11.2014)
  2. Vgl. Andrew Keen, The Cult of the Amateur: How Today’s Internet Is Killing Our Culture, 2007
  3. Vgl. Manuel Castells, »Bausteine einer Theorie der Netzwerkgesellschaft«, in: Berliner Journal für Soziologie, 2001
  4. Vgl. Jeremy Rifkin, Die dritte industrielle Revolution. Die Zukunft der Wirtschaft nach dem Atomzeitalter, Campus-Verlag, Frankfurt/New York, 2011
  5. Lev Manovich, Cultural Software, 2011
  6. Vgl. Ramon Reichert, Macht der Vielen, 2013
  7. Vgl. Eli Pariser, The Filter Bubble: What the Internet Is Hiding from You, Penguin Press, New York, 2011
  8. Felix Stalder, Digital Solidarity, 2011

Autorin: Julia Jochem

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