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TänzerInnen in einem Wasserbecken

Tanz/Performance

Die Avantgarde der Moderne hat zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Repräsentationsprogramm der klassischen Künste, nämlich die Wiedergabe der Gegenstandswelt, beendet. Die Malerei hat nicht mehr mit ihren spezifischen Darstellungsmitteln die Welt repräsentiert, sondern nur mehr die Darstellungsmittel wie Punkt, Linie, Farbe, Fläche etc. selbst zur Darstellung gebracht. Das Ergebnis war die abstrakte Kunst, sowohl in der Malerei wie auch in der Skulptur. Da die Darstellung des Gegenstands verpönt war, konnte der Gegenstand selbst Einzug in das Kunstsystem finden. Abstraktion und Objektkunst sind also die primären Leistungen der ersten Jahrhunderthälfte.

Die Neoavantgarde hat nach 1945 das geschlossene System der ästhetischen Objekte verlassen und massiv zwei neue Tendenzen eingeführt: offene Handlungsfelder und technische Medien, vom bewegten Bild bis zur Sound Art. Mit dem »Ausstieg aus dem Bild« (László Glózer) in Richtung Assemblage, Environment, Installation einerseits und in Richtung Aktion, Happening, Event, Performance, Film und Video andererseits haben sich allerdings die klaren Grenzen zwischen raum- und zeitbasierten Künsten und auch die zwischen Kunst und Leben aufgelöst.

Der Hang zur Handlung hat aus der Malerei die Aktionsmalerei gemacht und aus dieser die Schaumalerei vor Publikum. Die Fotos und der Film über Jackson Pollock beim Malen von Hans Namuth haben um 1950 die Idee des Action Painting popularisiert. Durch die auf den Boden gelegte Leinwand (für das Dripping der Farbe) wurde das vertikale Tafelbild zu einer horizontalen Arena der Aktion. Der Akt des Malens wurde via Fotografie und Film zu einer Performance, zu einer Aktion vor Publikum. Georges Mathieu hat daher auf einer Bühne vor realem Publikum gemalt, z. B. 1956 im Theater Sarah-Bernhardt in Paris vor 2.000 ZuschauerInnen. Yves Klein hat um 1960 in einer Kombination von Pollock und Mathieu nackte weibliche Körper als Pinsel verwendet. Die Malerei hat sich also im Dreischritt – »Aktion auf der Leinwand, Aktion vor der Leinwand, Aktion ohne Leinwand« – von einer reinen Bild- und Darstellungskunst in eine zusätzliche Handlungs- und Aufführungskunst gewandelt. So hat die Malerei bereits eine performative Wende angebahnt und vollzogen.

Nach dem gleichen Muster entwickelte sich aus der Dichtung die Aktionspoesie und aus der Skulptur die Handlungsform der Skulptur, z. B. die »soziale Plastik« von Joseph Beuys, die »Singing Sculptures« (1969) von Gilbert & George oder »OBJEKTE, benutzen« (1968) von Franz Erhard Walther.

Die bildende Kunst hat damit die Kunst des Raumes in eine Kunst der Zeit verwandelt. Mit der Weiterentwicklung der Kunst zur Bewegung des Köpers im Raum, z. B. Body Art, entstand darüber hinaus ein neues Interesse am Tanz. Wenn diese Körper nicht menschliche Körper waren, sondern Objekte, entwickelte sich aus der Skulptur eine Art Drama bzw. Theater. Der Vorwurf der Theatralität von Michael Fried (»Art and Objecthood«, 1967) gegenüber der Minimal Art bezeichnet nichts anderes als die performative Wende auch in der Skulptur, die Künstler wie Joseph Beuys oder Robert Morris vorangetrieben haben. Deswegen kam es in Amerika zu einer Annäherung zwischen Bildhauerei und Theater, zwischen Skulptur und Tanz, von Simone Forti bis Yvonne Rainer. Durch die Kollaborationen von John Cage, Merce Cunningham, Jasper Johns und Robert Rauschenberg wurde die Fusion von Malerei, Skulptur, Tanz und Musik zu einem Signum der »performativen Wende« in den 1960er-Jahren. Aufführungskünste und Ausstellungsformen gingen eine neue Einheit ein und haben neue Handlungsformen der Kunst hervorgebracht: Happening, Fluxus, Aktion, Performance. Der Tanz, eine zeitbasierte Kunstform, wurde Teil der bisher raumbasierten bildenden Kunst.

In der zeitgenössischen Avantgarde können wir nach der Einführung der Handlung zwei gegensinnige Tendenzen beobachten: Die raumbasierten Künste wie Malerei und Skulptur tendieren zur Verwandlung in zeitbasierte Künste. Die zeitbasierten Künste wie Tanz, Musik, Poesie und Performance tendieren zur zwei- bis dreidimensionalen Kunst des Raumes, also zur Installation, zur Skulptur und zum Objekt. Bilder, Skulpturen und Objekte verwandeln sich in Handlungen. Ein Beispiel dieser performativen Wende ist »Drama Queens« (2007) von Elmgreen & Dragset, eine 30-minütige Aufführung mit sprechenden Skulpturen (Superstars der Geschichte der modernen Skulptur) auf der Bühne. Handlungsformen der Musik, des Theaters (Christoph Schlingensief) und vor allem des Tanzes (William Forsythe und Sasha Waltz) tendieren zu Installationen, Environments und Objektassemblagen. Dementsprechend kann man bei der Verwandlung von Tanz, Theater und anderen performativen Handlungen in zwei- und dreidimensionale Objekte, also in Bilder, Skulpturen, Installationen, von einer »installativen Wende« sprechen. In beiden Fällen geschieht dies mithilfe der neuen Speichermedien Video und Film.

Seit seiner Gründung 1989 sieht es das ZKM als seine Aufgabe an, nicht nur die klassischen objekthaften Künste wie Malerei und Skulptur, sondern auch die immateriellen, akustischen und performativen Künste, von den Neuen Medien bis zum Tanz, also nicht nur die raum-, sondern auch die zeitbasierten Künste, auszustellen und zu sammeln. Das ZKM hat daher seit 1999 auch einen Schwerpunkt auf die Kunstformen des Tanzes, der Performance und des Aktivismus gesetzt und ihnen einige Kataloge, DVDs und großformatige Ausstellungen gewidmet, wie »William Forsythe: Improvisation Technologies. A Tool for the Analytical Dance Eye« (1999/2003), »Making Things Public. Atmosphären der Demokratie« (2005), »You_ser« (2007–2009), »Richard Siegal und The Bakery: HOMO LUDENS« (2008/09), »Moments. Eine Geschichte der Performance in 10 Akten« (2012), »Franz Erhard Walther. Raum durch Handlung« (2012), »Sasha Waltz. Installationen, Objekte, Performances« (2013/14), »Swarm Lake« (2013) von Chris Ziegler, »global aCtIVISm« (2013/14) oder »Beuys Brock Vostell« (2014). Außerdem hat das ZKM den Walter-Fink-Preis für Tanz, elektroakustische Musik und Medien ins Leben gerufen.

Die Frage nach der Ausstellbarkeit von Aktion, Demonstration, Tanz und Performance steht hierbei im Fokus: Der Wechsel von der Straße ins Museum, vom öffentlichen Platz in den institutionellen Raum, von der Theaterbühne in den Ausstellungsraum, von der zeitbedingten Aufführung in die Dauerausstellung, von der Aktion, die bewusst außerhalb des Kunstkontextes aufgeführt wurde, zum Dokument im musealen Archiv. Das ZKM widmet sich den neuen Problemstellungen, die diese neuen künstlerischen Ausdrucksformen für das Museum, die Ausstellung und das Archiv bedeuten. Denn nach der Aufführung, dem Ereignis in Raum und Zeit, fast immer vor Publikum, bleiben nur Spuren – immaterielle im Gedächtnis des Beobachters, materielle in Form von akustischen oder visuellen Dokumenten. Aktionskunst, Performance und Tanzkunst treffen auf das Problem des Speichermediums. In der Mediathek und den Sammlungen des ZKM befinden sich daher bedeutende Performancevideos und Videodokumentationen von Performances sowie Archivmaterialien zu Aktionen, Happenings, Performances, Events, prozessualen und theatralischen Demonstrationen, Aufführungskünsten aller Art, Konzerten, Medienopern, mediengestützten musikalischen und tänzerischen Ereignissen und vielleicht die größte Sammlung interaktiver Kunstwerke der Welt.

Autor: Peter Weibel

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