Hans H. Diebner: Chaotic Itinerancy
Eine chaotische Wanderschaft
Do, 13.07.2000, 19:00 Uhr CEST

»Chaotic itinerancy« ist ein von Ichiro Tsuda geprägter Begriff für die Eigenschaft bestimmter komplexer biologischer Systeme, die selbst aus komplexen Subsystemen bestehen. Die Subsysteme zeigen temporär Kennzeichen, die die Chaosforschung erkannt hat, nämlich so genannte „chaotische Attraktoren“. Temporär bedeutet, dass diese Attraktoren keine wirklich für alle Ewigkeit stabilen Strukturen sind, sondern gelegentlich zerfallen. Jeder Zerfall begünstigt die Neuformation eines - ebenfalls temporär stabilen - Attraktors. Es bildet sich ein Wechselspiel des Aufbaus und Zerfalls - eine chaotische Wanderschaft - in dem System aus. Man beobachtet z.B. im Gehirn eine solche »chaotic itinerancy«. Konishi und Kaneko konnten zeigen, dass sich eine »chaotic itinerancy« auch in der von Isaac Newton beschriebenen klassischen Physik wiederfindet. Solche Newtonschen Systeme können prinzipiell keine echten chaotischen Attraktoren ausbilden. Dass unser Universum aus Werden und Vergehen besteht, ist - umgekehrt argumentiert - ein sehr starkes Indiz dafür, dass die von Newton eingeführten Grundgleichungen der Physik gültig sind. Newtons klassische Physik ist bestechend konsistent und genügt einem Optimierungsprinzip, dem Prinzip der kleinsten Wirkung, das auf Leibniz zurückgeht: «Unsere Welt ist die beste aller möglichen Welten». Die von Sven Sahle präsentierte Simulation soll zur Überlegung stimulieren, ob unser Empfinden möglicherweise ein Produkt der Tatsache ist, dass wir eine nur temporär stabile Substruktur des Universums sind. Die hier vorgestellte, neue Computer-Installation ist der Auftakt einer neuen Wechselausstellung der ZKM-Abteilung Institut für Grundlagenforschung.

Organisation / Institution
ZKM

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