Wissen in Bewegung
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Konstitution und Kommunikation von Wissen im Film
Do, 11.06.2015 – Fr, 12.06.2015

Die Tagung »Wissen in Bewegung – Konstitution und Kommunikation von Wissen im Film« findet vom 11. bis 12. Juli, jeweils ab 9.00 Uhr statt. Organisiert wird die Veranstaltung durch das Institut für Germanistik des Karlsruher Institut für Technologie (KIT).

Das Medium Film wird als Mittel der Wissenskonstitution und Wissenskommunikation ins Zentrum der Tagung gerückt und multiperspektivisch und interdisziplinär betrachtet. Die Wechselwirkungen von Film und Wissenschaft, wie die Funktionen des Filmes für die Wissenschaft, die medialen Bedingungen des Filmes für die Wissensgewinnung sowie die spezifischen Formen kinematographischen Wissens, werden hierbei näher beleuchtet.

Forschungskontext der Tagung

Film als Medium der Wissenschaft und der Wissenschaftskommunikation erfährt seit einigen Jahren in so unterschiedlichen Disziplinen wie der Medienwissenschaft, der Soziologie oder auch der Kulturwissenschaft zunehmend mehr Beachtung. Setzt man solche Untersuchungen jedoch in Relation zu der seit Mitte der 1990erJahre entstandenen bildwissenschaftlichen Forschung, in deren Fokus u.a. statische Bilder als Medien der Wissenskonstitution stehen, so zeigt sich, dass sich eine vergleichbare audiovisuelle Wissenschaftsforschung bisher nicht entwickelt hat (vgl. dazu Reichert 2007, S.18f). So hat der iconic- turn nicht dazu geführt, dass Forschungen zu audiovisuellen Medien in Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation gleichermaßen einen Aufschwung erfahren haben, vielmehr stehen solche Arbeiten weiterhin im Schatten der Untersuchung traditioneller Bildmedien. Blum und Stollfuß haben in diesem Sinn herausgestellt, „dass der komplette Bereich audiovisueller Medienformationen bestenfalls randständig bedacht wird.“ (Stollfuß/Blum 2011, S. 295)
        Vor diesem Hintergrund setzt sich die Tagung daher zum Ziel, Fragen der filmischen Wissenskonstitution und -kommunikation in das Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken. Auf diese Weise sollen die komplexen Wechselwirkungen von Film und Wissenschaft in interdisziplinärer Hinsicht in den Blick rücken. So haben sich filmische Medien seit der Entstehung des Filmes im 19. Jahrhundert in Wissenschaften wie der Biologie, der Medizin oder der Ethnographie als relevante Verfahren der Wissenskonstitution erwiesen. Film ist – in der Röntgen-, Mikro- oder auch Unterwasserkinematographie ebenso wie im ethnographischen Film – als Forschungsinstrument und Methode von zentraler Bedeutung. Der wissenschaftliche Film wird dabei zur Durchführung und Aufzeichnung von Experimenten ebenso genutzt wie zur Sichtbarmachung von Bewegungsabläufen oder auch für Mitschnitte von Konferenzen und Workshops (vgl. dazu Pinkas/Seidler 2014). Mit Bezug auf solche Gebrauchsformen des Filmes stellen sich somit grundlegende Fragen hinsichtlich der Funktionen des Filmes für die Wissenschaft. Dies schließt Fragen nach dem Wirklichkeitsgehalt filmischer Bilder, nach der Objektivität filmischen Wissens bzw. verschiedenen Objektivitätstypen ebenso ein wie die Frage nach den spezifischen Formen kinematographischen Wissens. Insofern geht es im Rahmen der Tagung grundlegend auch um die Frage nach der Eigenlogik des Filmes in epistemischer Hinsicht.
        Damit eng verbunden sind Fragen nach der Kommunikation von Wissenschaft und wissenschaftlichem Wissen durch filmische Medien. Während Forschungsfilme in erster Linie für den Gebrauch innerhalb der Scientific Community bestimmt sind und im Regelfall nicht an die Öffentlichkeit gelangen, werden filmische Medien ebenso für die Kommunikation von Wissenschaft genutzt (vgl. dazu Verdicchio 2010). Der Film ist insofern – wie Tanner (2009) dargestellt hat – Medium der Distribution, Diffusion und Popularisierung von Wissenschaft und wissenschaftlichem Wissen. Die Kommunikation wissenschaftlichen Wissens erfolgt dabei in so unterschiedlichen Formen wie dem Unterrichtsfilm, dem Erziehungsfilm, dem Lehrfilm oder auch dem populärwissenschaftlichen Film. Solche vermittelnden und popularisierenden Filme, die für unterschiedliche Rezeptionssituationen und diverse audiovisuelle Medienkanäle produziert werden, richten sich dabei an verschiedene Öffentlichkeiten sowie Adressatengruppen verschiedensten Alters, Bildungs- und Wissensstandes. Alleine im Fernsehen existieren inzwischen mehr als 80 wissens- und wissenschaftsbezogene Sendeformate. Hinzu kommen neue Formen der Wissenschaftskommunikation im Internet: So finden sich auf YouTube so unterschiedliche Darstellungsformen wie von WissenschaftlerInnen selbst erstellte Videos, Aufzeichnungen von Vorträgen, animierte Erklärfilme oder auch institutionell gebundene YouTube-Formate, die durch Verlage wie Nature oder Spektrum der Wissenschaft produziert werden. Von daher stellt sich die Frage, wie sich das Kontinuum zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit beschreiben lässt, welche filmischen Vermittlungsformen und -konzepte sich hinsichtlich der verschiedenen Öffentlichkeiten ausgebildet haben und welche Rückkopplungseffekte die Kommunikation von Wissenschaft für diese selbst hat (vgl. dazu Milde 2009). Dabei lässt sich u.a. fragen, wie der Film durch anschauliche Formen der Darstellung Wissen vermitteln und verständlich machen kann, welche didaktischen Gesichtspunkte dabei eine Rolle spielen und wie sich die filmische Ästhetik vermittelnder und popularisierender Filme von reinen Forschungsfilmen unterscheidet.

Übergreifende Fragestellungen

Die folgenden Fragen skizzieren mögliche Perspektiven, die im Rahmen der Tagung in Vorträgen aufgegriffen werden können.

Film als Medium der Wissenskonstitution

• Was sind die filmischen Bedingungen der Konstitution von Wissen bzw. inwiefern wird die Eigenlogik des Filmes in epistemologischer Hinsicht relevant? Welche Formen der Sichtbarkeit erzeugen Filme?
• Wie wird der Film als Forschungsinstrument und Methode in den Wissenschaften eingesetzt und welche konkreten filmischen Verfahren werden in der Wissenskonstitution genutzt? Welche spezifischen Verfahren der Dokumentation, der Sichtbarmachung oder auch der Produktion von Evidenz kommen in Forschungsfilmen zur Anwendung?
• Welche Funktionen übernehmen filmische Medien in der Wissenschaft – als Bestandteile von Experimentalsystemen, bei der Gewinnung von Daten oder in der optischen Analyse des so gewonnen Ausgangsmaterials? Und wie gestalten sich die Verfahren der Datenerhebung, des Archivierens, der Analyse und Auswertung sowie auch der Beweisführung unter den Bedingungen des Mediums Film?
• Welche Rolle spielen innerhalb solcher Verfahren die Möglichkeiten zur Zeitachsenmanipulation (Zeitdehnung, Zeitraffung), der Licht- und Farbgebung, der Kontrastierung, der Mehrfachbelichtung, der Bildfixierung und Bildwiederholung, der Immersion der Kamera in flüssige Umgebungen sowie mikroskopische und makroskopische Aufnahmetechniken?

Film als Medium der Wissenskommunikation

• Welche Möglichkeiten eröffnet der Film, wissenschaftliche Sachverhalte durch gestaltete Bildfolgen in anschaulicher Form verständlich und nachvollziehbar zu machen? Und auf welche Weise ist die mediale Eigenlogik des Filmes für die Wissens- sowie die Wissenschaftskommunikation relevant?
• Welche konkreten und auch filmspezifischen Strategien – etwa des Veranschaulichens, des Verständlich-Machens, des Erzählens oder auch des Erklärens – werden in der Wissenschaftskommunikation durch den Film genutzt? Und inwiefern spielen Formen der Fiktionalisierung, der Personalisierung, der Metaphorisierung, der Evidentialisierung oder der Emotionalisierung eine Rolle in der filmischen Wissenschaftskommunikation?
• Welche Vermittlungskonzepte liegen Wissenschaftsfilmen zugrunde? Welches Wissen generieren populärwissenschaftliche Filme? Wie werden Filme der Wissenschaftskommunikation rezipiert? Und welche spezifischen Kommunikations- sowie Verständlichkeitsprobleme treten dabei auf?
• Welches Repertoire inszenatorischer Mittel nutzt der vermittelnde und popularisierende Film? Welche Rolle kommt dabei dem Sounddesign, voice-over-Kommentaren, Schrifteinblendungen, (animierten) Erklärgrafiken und Schaubildern, der Kameraperspektive, dem Format, der Bildgestaltung oder auch Schnitt und Montage zu?
• Welche filmischen Darstellungskonventionen haben sich in der Vermittlung wissenschaftlichen Wissens hinsichtlich verschiedener Öffentlichkeiten etabliert? Und inwiefern resultiert daraus eine eigenständige Ästhetik des populärwissenschaftlichen Films?
• Welche neuen Wissensordnungen entstehen durch Plattformen wie YouTube und wie verändern sich wissenschaftliche und popularisierende Diskurse durch solche neuen mediendispositiven Anordnungen?
• Wie gestaltet sich der Zusammenhang von Forschungs- und Vermittlungsfilm? Welche Fragen ergeben sich aus der Rekontextualisierung epistemischer Bewegtbilder in populärwissenschaftlichen Filmen? Und welche Verschiebungen und Transformationsprozesse durchlaufen filmische Medien im Spannungsfeld des Diskurses von Wissenschaft und Öffentlichkeit?
 

Programm

9:00-9:45

Andreas Ackermann
Bedeutung und Sein oder: welches Wissen konstituiert ethnographischer Film? Am Beispiel der Filme und Schriften David MacDougalls.

9:45-10:30

Vinzenz Hediger
Der dünne Firnis der Zivilisation. Beobachtung und filmische Aufzeichnung als Methode am Beispiel des humanethologischen Filmarchivs

10:30-11:00

Kaffeepause

11:00-11:45

Ramón Reichert
Röntgenstrahlen im Kino. Zur Bildkultur der Röntgendiagnostik

11:45-12:30

Angela Krewani
Der Klimawandel und seine filmische Repräsentation

12:30-14:00

Mittagessen

14:00-14:45

Daniel Hornuff
Broadcast Your Theory!

14:45-15:45

Thomas Metten, Philipp Niemann & Timo Rouget
InVideo-Programmierungen statt Fußnoten? – Der populärwissenschaftliche Web-Clip auf YouTube

15:45-16:00

Verabschiedung

 


Informationen zum Workshop»Planung versus Realität. Wie ein Fernsehbeitrag bei Quarks & Co entsteht!«

 In einer Mischung aus Workshop und Erlebnisbericht erfahren die Studierenden, wie ein Fernsehbeitrag bei Quarks & Co entsteht. Von der ersten Idee bis zur fertigen Sendung. Der Workshop wird in Zusammenarbeit mit dem Nationalen Institut für Wissenschaftskommunikation (NaWik) veranstaltet. Referent: Ulrich Grünewald, Dozent am Nationalen Institut für Wissenschaftskommunikation und Wissenschaftsjournalist beim WDR (u.a. „Quarks & Co“).
Der Workshop findet in der Zeit von 9:00 bis 12:00 Uhr statt, Teilnehmerzahl: 12.














 

 

 

Organisation / Institution
Institut für Germanistik des Karlsruher Institut für Technologie (KIT)