Frank Witzel: Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969
Ein orangenes Quadrat mit Augen auf blauem Hintergrund. Rechts und links davon kleinere Quadrate
ARD Hörspieltage 2016
Sa, 12.11.2016, 14:00 Uhr CET

Das Jugendzimmer als Echoraum der Geschichte: Gudrun Ensslin, eine Indianersquaw aus braunem Plastik, und Andreas Baader, ein Ritter in schwarzglänzender Rüstung, – so vermischen sich im Kopf des 13-jährigen namenlosen Erzählers die politischen Verwerfungen in der BRD des Jahres 1969 mit seinen kindlichen Fantasien. Zusammen mit dem Teenager begeben wir uns in den oszillierenden Raum seiner manisch-depressiven Störung – seine Lebensorte und Erinnerungen überlagern und verwischen sich mit dem letzten Ort seines kurzen Lebens im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Die Vergangenheit, ihr Geruch, ihr Geschmack und die darin wohnenden Ängste und Traumata brechen durch eine mühsam geklitterte Oberfläche. Seine Jugend zwischen Kirche und Krankheit setzt den jugendlichen Erzähler fortwährenden Befragungs-, Verhör- und Geständnissituationen aus – ob in seiner Therapie oder im Beichtstuhl. Über seine Störung befindet der Erzähler dabei, »man ist ja nicht immer wahnsinnig, sondern man ist wahnsinnig und dann wieder nicht, so wie man liebt und dann wieder nicht.« So unstet wie seine Zustände ist auch seine Erzählung, und so befindet er weiter: »erlöse uns von unseren Gedanken und Meinungen und dem Versuch, Geschichte zu rekonstruieren und immer gleiche Gedanken in Wiederholungen zu perpetuieren und damit das kardiovaskuläre System langsam nach unten zu fahren.«

Frank Witzel, geboren 1955 in Wiesbaden, ist Autor, Essayist, Zeichner, Musiker. Für seinen Roman »Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969« erhielt er den Deutschen Buchpreis 2015 sowie den Robert Gernhardt Preis 2012. Die Hörspielbearbeitung wurde im Juni 2016 zum Hörspiel des Monats gewählt. Weitere Veröffentlichungen u.a. »Bluemoon Baby« (2001), »Revolution und Heimarbeit« (2003), »Vondenloh« (2008).

Mit: Jonas Nay, Edmund Telgenkämper, Valery Tscheplanowa, Christiane Roßbach, Peter Fricke, Oliver Nägele, Shenja Lacher, Götz Schulte Realisation: Leonhard Koppelmann Produktion: BR 2016 Länge: 74‘49‘‘

Begleitprogramm