Claus Bremer: Mitspiel

Die Aktivierung des Publikums: Vom dynamischen Theater zur Theaterstadt. Dramaturgische Texte 1948–1971

Cover of the publication »Publikation - Claus Bremer: Mitspiel«
Type of publication
Exhibition catalog
Author / Editor
Peter Weibel and Holger Jost (Eds.)
Publishing house, place
Alexander Verlag, Berlin
Year
2014
Content

Was unterscheidet Theater von Kino und Fernsehen?
Wie werden aus Zuschauern Mitspieler?

„der autor fordert die schauspieler zum mitspielen auf. die schauspieler fordern durch ihr mitspielen die zuschauer zum mitspielen auf. das mitspielen der zuschauer fordert die schauspieler zum mitspielen auf, deren mitspielen wieder die zuschauer zum mitspielen auffordert usw.”
– Claus Bremer, 1963

Seit 1958 konzipierte der Dramaturg und Poet Claus Bremer (1924–1996) in Darmstadt und Ulm neue Spielweisen des Theaters, die er parallel zur »offenen Form« in der Musik, den interaktiven Methoden der kinetischen Kunst und den Konstellationen der Konkreten Poesie entwickelte.

Mit Daniel Spoerri sammelte Bremer 1959 »beispiele für das dynamische theater«, Paul Pörtner schrieb ab 1962 auf seine Anregung hin »Mitspiele«; 1964 integrierte Bremer ein Happening von Wolf Vostell in den Spielplan eines Stadtheaters und war Berater für Werner Ruhnaus »Spielstraße« bei den Olympischen Spielen 1972.

Bremers Konkrete Dichtung findet sich bereits in internationalen Anthologien und deutschsprachigen Schulbüchern – jetzt liegen erstmals seine wichtigen Texte zum Theater in diesem Band gesammelt und mit Anmerkungen versehen vor. Sie führen vom »abstrakten theater« über »versuche mit festgelegten und nicht festgelegten aufführungen« bis zu »Stadt, lebendiges Theater«.

„ … Claus Bremer, den ich ein paar Jahre lang vielleicht als meinen besten Freund bezeichnete.”
– Daniel Spoerri, 2014

„Claus Bremer und Daniel Spoerri wurden meine großen Brüder.“
– Bazon Brock, 2012 

„Der Zuschauer Claus BREMER testet die Aussagenangebote des Autors Bazon Brock, indem er eine wahrscheinlich durch die Vorführung hervorgerufene Kreislaufschwäche von dem im Stück agierenden Arzt kontrollieren läßt. Der Doktor nämlich hatte dem Publikum im Vorführungsverlauf den vom Autor vorgeschriebenen Satz offeriert „Solange ich hier bin, stirbt keiner“. Eine solche Autoraussage ist im üblichen Theatergeschehen wenig wirklichkeitshaltig, wenn die Arztrolle von einem Schauspieler präsentiert wird. Dieser Arzt indes war „echt”.
– Bazon Brock 

„Bazon Brock will mit seinem Theater nicht nur sagen „Ihr seid frei“, er will auch Freiheit bewirken. Was er zu diesem Zweck einsetzt ist das, was uns unfrei macht. Er setzt es derart zusammen, daß es uns befreit. Bazon Brock, der sich sonst so schwierig ausdrückt, hatte hier Ausdrucksmittel, die man verstand! Seine Ausdrucksmittel setzen nichts voraus, er nimmt sie aus der Weit der Illustrierten, er verwendet sie ohne jedes Getue als ob. Er betrügt nicht. Er arbeitet mit echten Mannequins, echten Photographen, einem echten Arzt, einer echten Fürsorgerin, echten Waren und Materialien, wie wir sie kreuz und quer durch alle Abteilungen aus den modernen Kaufhäusern kennen, bewußt filmischen Filmen, Zuschauerportraitfotos und echten Schauspieleranfängern, die ihre Texte derart aufsagen, daß man erfährt, es ist Theater [...].”
– Claus Bremer 

[...] Auf der einen Seite das Publikum, auf der anderen die Darsteller, auf der dritten mehr als 2000 Jahre Literatur: da ist die Verantwortung beim Entwurf eines Spielplanes groß.
Wenn ich dieser Verantwortung gerecht werden will, muß ich vier Tatsachen berücksichtigen. Die erste ist der Grund meiner Arbeit am Theater, der die Frage beantwortet: warum mache ich Theater, oder ein wenig anders formuliert. worum geht es mir, wenn ich Theater mache. [...]
Ich mache Theater, weil ich etwas möchte, was eben nur das Theater kann: das möglichst unmittelbare Zusammenspiel der Menschen auf der Bühne miteinander und mit denen, die das Publikum sind. Ich mache Theater, weil ich etwas möchte, womit weder der Film noch das Fernsehen bei der Bewältigung des Alltags eine Rolle spielen: die eigene Kritik zusammen mit der eigenen Phantasie von jedem Darsteller und Zuschauer wach machen und trainieren. [...]
Die zweite Tatsache, die ich beim Entwurf eines Spielplanes berücksichtigen muß, ist das Publikum. Die Kenntnis des Publikums muß die Auswahl der Literatur, die Ergebnis der Berücksichtigung von Tatsache eins ist, der Antwort auf die Frage, warum mache ich Theater, wiederum sichten. [...]
Die dritte Tatsache, die ich beim Entwurf eines Spielplanes berücksichtigen muß, ist die Vielseitigkeit des Theaters. Gerade ein Theater, das nicht bevormunden, sondern jedem seiner Teilnehmer zu seinen eigenen Vorstellungen verhelfen will, muß der Vorwurf der Einseitigkeit treffen, wenn es die Stücke einfach ausläßt, die nicht in seinen Bereich gehören. [...]
Die Tatsache vier ist das Ensemble. Mit Ensemble meine ich hier diejenigen Kräfte, die für die Aufführungen zur Verfügung stehen. Zu ihnen zählen die Schauspieler, Spielleiter, Bühnen- und Kostümbildner so gut wie die Arbeiter oder Angestellten in den einzelnen Werkstätten, auf der Bühne und in den Theaterbüros. [...] Sie alle geben den Ausschlag für das, was sich unter dem Blickpunkt der Tatsachen eins bis drei realisieren läßt oder nicht.
– Claus Bremer
 

Language
German
Description
416 p. : ill. ; softcover with thread-stitching
ISBN
978-3-89581-336-8

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