TAPE MARK 1 von Nanni Balestrini: Forschung und historische Rekonstruktion

Emiliano Russo und Gabriele Zaverio, Vittorio Bellanich (Design)

Foto der Rekonstruktion des Gedichts »Tape Mark I« von Nanni Balestrini: eine kleine Holzkiste mit einem Bildschirm

Die Ausstellung »Nanni Balestrini: Wer das hir liest braucht sich vor nichts mehr zu fürchten« (01.04.2017 – 02.07.2017) präsentierte zwei Rekonstruktionen von Nanni Balestrinis computergenerierten Gedicht »Tape Mark I«, das 1961 im »Almanacco Letterario Bompiani 1962. Le applicazioni dei calcolatori elettronici alle scienze morali e alla letteratura« publiziert wurde. In diesem Artikel beschreiben Emiliano Russo (Museo Interattivo di Archeologia Informatica (MIAI)) und Gabriele Zaverio (Museo dell’Informatica Funzionante (MusIF)) ihre Rekonstruktion und Neuinterpretation des wegbereitenden literarischen Experiments.

Foto der Rekonstruktion des Gedichts »Tape Mark I« von Nanni Balestrini: eine kleine Holzkiste mit einem Bildschirm
Emiliano Russo, Gabriele Zaverio und Vittorio Bellanich: Rekonstruktion des computergenerierten Gedichts »Tape Mark I« (1961) von Nanni Balestrini
© ZKM | Karlsruhe

Vor einigen Jahren haben wir zwei Bücher erworben: »Computer Graphics - Computer Art« von Herbert W. Franke und »Tre secoli di elaborazione dati« (Drei Jahrhunderte Datenanalyse), produziert von IBM und kuratiert von Roberto De Pra. Beide Bücher weckten unser Interesse, denn sie zitierten ein besonderes literarisches Experiment, welches vor mehr als fünfzig Jahren in Mailand stattfand.

Im Jahr 1961 entschied sich Nanni Balestrini, der zu dieser Zeit seine Karriere als Dichter und Schriftsteller begann, einen Computer zu verwenden, um Gedichte anderer Autoren auf neue und originelle Weise zu kombinieren und eine potentiell unendliche Quelle poetischer Verse zu generieren. Diese Veranstaltung fand im Dezember 1961 in der Via Verdi in Mailand im Untergeschoss der Cassa di Risparmio delle Provincie Lombarde [Sparkasse der Provinzen der Lombardei] statt. Im Publikum waren unter anderem der Schriftsteller und Philosoph Umberto Eco sowie der Komponist Luciano Berio.

Mit Hilfe eines von Balestrini definierten Algorithmus – der aus einer Mischung von Zufall und einfachen deterministischen Regeln bestand, um Sätze und Verse zu mischen und neu zu kombinieren – erzeugte der Computer einen langen Ausdruck. Der Dichter wählte einige Verse aus, die er besonders interessant fand. Der jeweilige Titel des neuen Gedichts wurde von dem Namen eines der Magnetbänder abgeleitet, die während des Experiments vom Computer IBM 7070 als Massenspeicher verwendet wurden.

Die kreative Verschmelzung von Wissenschaft und Kunst hatte uns schon immer fasziniert. Außerdem glauben wir, dass die Arbeit eines Computermuseums sich nicht nur auf den Erhalt und Restaurierung von elektronischen Geräten konzentrieren, sondern auch den Einfluss der sozialen und menschlichen Aspekte reflektieren sollte, welche die Entwicklung der Informationsgesellschaft geprägt haben. Hinzu kommt, dass wir Nanni Balestrini und seine Werke schon immer liebten. Ebenso waren wir sehr beeindruckt von der Tatsache, dass sein Experiment fünfzehn Jahre vor dem Beginn der sogenannten „Computerrevolution“ stattfand (zu einer Zeit, als es nur eine Handvoll Computer in Italien gab) und etwa zehn Jahre vor der Erfindung des Begriffs „Computer Art“ (»Cybernetic Serendipity«, 1968).

Zu dieser Zeit verfügte das Rechenzentrum der Sparkasse der Provinzen der Lombardei über einen IBM 7070, der mit 14 Magnetbandeinheiten 729 / II und zwei IBM 1401 verbunden war. Mit Hilfe des IBM-Ingenieurs Alberto Nobis übersetzte Balestrini das Set der von ihm erfundenen Kombinationsregeln in einen Flussdiagramm, das dann wiederum in ein Set von Anweisungen in der symbolischen Sprache Autocoder übersetzt wurde. Dazu benutzte er 322 Lochkarten. Der Computer las die Lochkarten und übersetzte sie in einen Satz von 1200 Maschinencode-Anweisungen. Abschließend wurden das Programm und die Daten, mit denen es funktionierte (drei Fragmente aus »Hiroshima Diary« von Michihiko Hachiya, » The Mystery of the Elevator« von Paul Goldwin und »Tao Te Ching« von Lao Tse), auf ein Magnetband geschrieben.

Anschließend führte der Computer das Programm aus: Es wählte Teile dieser Gedichte aus, legte sie in temporären Speicherplätzen ab, kombinierte diese neu und speicherte sie wiederum auf dem Band, las daraufhin andere Teile und setzte diese mit den zuvor gespeicherten Teilen zusammen, legte sie wieder auf dem Band ab, und immer so weiter. Das Programm benötigte ungefähr sechs Minuten für jede erzeugte Strophe, und das Endergebnis wurde auf dutzende Meter Endlospapier mit einer Geschwindigkeit von ca. 600 Zeilen pro Minute gedruckt. Balestrini untersuchte die ganze Sequenz und wählte ein Fragment von sechs aufeinanderfolgenden, für ihn interessanten Strophen aus.

Der ganze Vorgang ist im »Almanacco Letterario Bompiani 1962 – le applicazioni dei calcolatori elettronici alle scienze morali e alla letteratura« zusammen mit dem Ergebnis ausführlich dokumentiert. Nach unserem Kenntnisstand wurde noch nie ein anderes Gedicht inklusive einer solch detaillierten Beschreibung der Techniken, die zu seiner Erstellung verwendet wurden, veröffentlicht. Dies ist jedoch keine Überraschung, wenn man Balestrini und sein beharrliches Interesse an den formalen Aspekten der Komposition und an der unmöglichen Forderung, den Autor aus einem kreativen Prozess zu entfernen, kennt. Wie Umberto Eco es brillant formulierte, ist Balestrini der einzige Autor, der – während seiner über fünfzigjährigen Karriere als erfolgreicher Autor – "nie ein einziges Wort selbst geschrieben hat". Alle seine Arbeiten bestehen aus einer Rekombination von Fragmenten anderer Publikationen oder aufgezeichneter Gespräche.

Unsere Idee war es, dass ursprüngliche Programm von Balestrini aus dem Jahre 1961 zu rekonstruieren, um sein Experiment an einem modernen Computer zu reproduzieren. Wir entschieden uns, ein von Grund auf neues Programm zu schreiben, welches die vier von Balestrini definierten Rekombinationsregeln implementiert, da alle Details der ursprünglichen Implementierung – vom Ablaufdiagramm bis zum Maschinencode – von der Hardware und den Ressourcen des IBM 7070 abhängig waren. Unser Programm wurde in Python verfasst (von Emiliano "fanfani" Russo von MIAI im Herbst 2014).

Angesichts der offensichtlichen Unterschiede zwischen unserer und der ursprünglichen Implementierung stellten wir uns die Frage, ob diese Art von Rekonstruktion überhaupt legitim ist, d. h. ob sie nicht nur die Funktion des ursprünglichen Programms, sondern auch die ursprüngliche Idee genau reproduzieren kann. Daher haben wir – unter anderem ermutigt von Federico Bonelli (MusIF / Dyne.org) – beschlossen, den Dichter zu interviewen, um seine Sicht auf das Ereignis festzuhalten und einige Zweifel bezüglich unserer Rekonstruktion zu klären.

Insbesondere wollten wir Balestrini fragen, was genau das Kunstwerk ausmacht: War es das ursprüngliche Ereignis im Jahr 1961? Oder war es die Originalsoftware? Oder vielmehr das Gedicht, das er aus den hundert Metern Papier auswählte, die der Computer ausspuckte? Oder diese hundert Meter Papier selbst? Oder nur die vier Rekombinationsregeln und die Daten, auf denen sie operierten? Oder vielleicht eine Kombination all dieser Elemente?

Dank Franco Piperno, Professor für Physik an der Universität von Cosenza und Mitbegründer von Potere Operaio (eine Organisation, zu der Nanni Balestrini gehörte), konnten wir uns mit Balestrini in Verbindung setzen und ihn interviewen. Das Ergebnis war ein Videointerview, indem der Dichter über das historische Ereignis von 1961 berichtete, die Ideen dahinter erläuterte und uns von seiner Karriere berichtete und einige interessante Anekdoten erzählte. Wichtiger ist jedoch, dass er unsere Zweifel an der Rekonstruktion beseitigte, indem er diese mit einer einfachen Analogie beschrieb: Das Programm sei wie ein Drehbuch eines Dramas, und das Ereignis von 1961 sei ebenso nur eine seiner Inszenierungen gewesen, ebenso wie unsere Rekonstruktion.

Nur ein Jahr nach dem Interview, als das Material die ersten Phasen der Bearbeitung und Postproduktion durchlief, trafen wir Balestrini wieder, um ihm eine vorläufige Version des Videos zu zeigen. Zugleich erzählten wir ihm von unserem Misserfolg, das Originalmaterial (Listen, Lochkarten, Bänder, Bilder) von den Archiven des Verlags Bompiani, von IBM und der Fondazione Cariplo zu bekommen. Ebenso konnten wir den Ingenieur Alberto Nobis, welcher ihm im Jahr 1961 geholfen hatte, nicht ausfindig machen.

Während dieses Treffens überreichten wir ihm ein besonderes Geschenk: Eine kleine TV-Box aus Holz, mit einer kleinen schwarz-weißen Kathodenstrahlröhre, welche die Gedichte mithilfe unserer Software reproduziert. Die Software läuft auf einem Einplatinencomputer (SBC). Balestrini gefiel das Objekt (gebaut von Emiliano "fanfani" Russo (MIAI), Gabriele "asbesto molesto" Zaverio (MusIF) und Vittorio Bellanich) so sehr, dass er uns anbot, es zusammen mit anderen Exemplaren in seiner Solo-Ausstellung am ZKM in Karlsruhe zu präsentieren. Kuratiert wurde diese Ausstellung, in deren Kontext dieser Artikel entstanden ist, von Margit Rosen.

Unsere Box, welche die »TAPE MARK 1« in deren italienischen Originalsprache reproduziert, wird zusammen mit einer weiteren Rekonstruktion gezeigt, die von Daniel Heiss in Kooperation mit Margit Rosen erstellt wurde. Diese zeigt den Output in deutscher Sprache als Projektion auf einer weißen Wand. So entsteht das visuelle Ergebnis zweier miteinander „sprechender“ Installationen.

Unsere Software steht zum Download bereit unter: https://github.com/fanfani/TAPE-MARK-1

Das Videointerview mit Nanni Balestrini ist zu finden unter: https://www.youtube.com/watch?v=8i7uFCK7G0o, in italienischer Sprache mit englischen Untertiteln.

Dieser Text erschien zunächst im Juni 2017 auf der Website des Museo dell’Informatica Funzionante, einem Projekt des Freaknet Medialab, Dyne.org sowie des Poetry Hacklab (Palazzolo Acreide).