Johann Gerhard Lischka (1943–2026). Ein Nachruf

© Archiv Gerhard Johann Lischka, ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe

Das ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe trauert um Gerhard Johann Lischka. Der Kulturphilosoph, Medientheoretiker, Kurator und Künstler ist am 8. Juni 2026 in Bern gestorben. Mit seinem Tod verliert das ZKM einen Weggefährten von mehr als zwei Jahrzehnten: einen Autor und Herausgeber, Ausstellungsmacher und Gesprächspartner – und einen Künstler, dessen Archiv es bewahrt.

1943 in Muntlix in Vorarlberg geboren, studierte Lischka Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte und Philosophie in Bern und München und promovierte über Oskar Kokoschkas Doppelbegabung als Maler und Dichter. Schon hier war das Anliegen angelegt, das sein Leben durchzog: die Weigerung, Bild und Wort, Kunst und Denken getrennt zu halten. Bern wurde für fast sechs Jahrzehnte das Zentrum seines Lebens und Arbeitens. Ab 1969 organisierte er Symposien und künstlerische Aktionen, kuratierte Ausstellungen und konzipierte Sendungen für Radio und Fernsehen; als einer der Ersten stellte er Polaroids als Kunst aus. In den 1980er- und 1990er-Jahren gehörte er zu den Theoretiker:innen, die dazu beitrugen, dass sich die Medientheorie im deutschsprachigen Raum als eigenständiges Diskursfeld herausbildete.

Was sein Werk auszeichnete, war gerade sein Widerstand gegen den Begriff des Werks. Lischka hinterließ kein System, sondern eine Praxis: das Denken im Werden. Deren eigentliche Form war das Gespräch – das Interview, der Dialog, der »Polylog«. Über Jahrzehnte suchte er die Künstler:innen und Denker:innen seiner Zeit auf, von Andy Warhol, VALIE EXPORT und Jean Baudrillard bis zu Vilém Flusser, Niklas Luhmann und Friedrich Kittler. Er machte das Aufnahmegerät zum Instrument der Theoriebildung: zu einem Denken, das nicht nachträglich über Kunst urteilte, sondern sich neben ihr entfaltete. Begriffe wie »Mediatisierung«, »Superästhetik« und, zuletzt, »Mind Art« waren ihm keine Klassifikationen, sondern Werkzeuge, um die Gegenwart zu vermessen. Wo andere Produktion und Rezeption trennten, erklärte er jede und jeden zum »Mediator«. Sein Wahlwort »Künstlerphilosoph« – auf sich selbst angewandt mit wohldosierter Übertreibung – benannte genau diese Position im Dazwischen.

Lischka und Peter Weibel verband eine intellektuelle Freundschaft, die über Jahrzehnte wuchs. Beide kamen aus dem Umfeld der Aktions- und Medienkunst, beide misstrauten der Arbeitsteilung zwischen Kunst und Theorie. Aus ihren Gesprächen entstand eine eigene Gattung. Ihr gemeinsamer Polylog »Im Netz der Systeme« (Kunstforum, 1989) ist ein bemerkenswertes Dokument der deutschsprachigen Medientheorie: zwei Stimmen, die nicht den Konsens suchen, sondern ein Feld kartieren. Es folgten die 2003 und 2004 am ZKM entstandenen Tagungsbände Das Regime des Images, Act! Handlungsformen in Kunst und Politik und Die Medien der Kunst: Die Kunst der Medien sowie Lischkas Buch Media Poet, Peter Weibel (2011). Weibel, der 2023 starb, hat Lischkas Vielstimmigkeit knapp gefasst: Als Autor und Herausgeber, Vortragender und Veranstalter, Künstler und Kurator sei Lischka »Erzeuger und Zeuge, Sender und Empfänger, Detektiv und Archivar, Verwalter der Vergangenheit und Gestalter der Gegenwart – immer im Modus des Denkens«.

Über Weibel verband sich Lischka eng mit dem ZKM. Hier realisierte er die Ausstellungen PVC3 Elektronische Kunst (2002) und art_clips.ch.at.de (2007) sowie die Editionen Am Nerv der Zeit (2003) mit mehr als vierzehn Stunden Tonaufnahmen aus den Jahren 1974–1990 und DENKSTOFF. Dichte Gedanken (2013). Seiner Vermittlung verdankt das ZKM auch die Performance-Bibliothek des »Perforum«.

2014 übergab Lischka sein Archiv zu Lebzeiten an das ZKM. Es umfasst elf laufende Meter: Materialsammlungen und Notizen, deren Dokumente vollständig digitalisiert sind, eine Diasammlung, die fast fünfhundert Positionen dokumentiert, VHS- und Audiokassetten sowie die Geräte, mit denen er arbeitete. Bezeichnend ist, wie er diese Materialien ordnete: chronologisch, aber auch unter Stichworten wie Schlaf, Schönheit und Körper. Das Archiv ist kein Werkdepot, sondern das Modell eines Kopfes. Anlässlich der Schenkung widmete ihm das ZKM 2014 die Ausstellung GJ Lischka. Present Mind [Geistesgegenwärtig] – ein Titel, der besser als jeder andere beschreibt, was ihn auszeichnete und was nun fehlt.

Was bleibt, ist zugänglich: die Bücher, die Bänder, die Stimmen der anderen, die er bewahrt hat. Seine eigene ist es, die fehlt.

MR
 

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