Eran Schaerf. FM-Scenario – szenischer Alltag – Geschlecht – Rotkäppchen – Realitätswettlauf
Eine Person undefinierten Geschlechts hält sich eine weiße Papiermaske vors Gesicht.
Montage: Margit Rosen
Fr, 21.06.2013, 21:00 Uhr CEST
Eine Hörerin (kann auch ein Hörer sein) loggt sich bei der Stimme des Hörers ein – einem Radiosender für Höreranrufe, der von einem automatischen Moderator betrieben wird. Um die Registrierung erfolgreich abzuschließen, fehlt dem Programm noch die Angabe zum Geschlecht. „Zeit überschritten“, meldet das Programm, „Sie haben sich weder mit männlichem noch mit weiblichem Geschlecht registriert. Wollen Sie für ein neutrales Objekt gehalten werden? Ja. Nein. Weiter.“ Lange kann der automatische Moderator auf die Angabe nicht warten – wir sind auf Sendung und auf Sendung gilt: pausenlos. Die Angabe aber lässt auf sich warten. Dass jemand länger als soundso viele Sekunden brauchen würde, um das eigene Geschlecht anzugeben, war bei der Programmierung des Moderators offenbar nicht vorgesehen. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als auf Sendersuche zu gehen. So wurde er für den Fall programmiert, dass sich kein Hörer meldet: er sucht den Empfangsbereich nach Sendungen ab und sendet sie mit. Das ist zwar illegal, aber in der Fiktion noch gestattet. Es folgen Nachrichten (Charaktertrainer des BND sagt vor Gericht aus), Anrufe weiterer Hörer (Überprüfen Sie Ihren Zugriff auf die Welt) oder das Gespräch zwischen Mutter und Kind (Mama, warum hast du mich als Rotkäppchen verkleidet?). Würde der Moderator verstehen, was er zur Sendung bringt, würde er auch verstehen, dass Geschlecht keine Sache der Angabe ist, sondern Aufführung von Rollen. Gelegentlich handelt es sich dabei um eine publikumslose Aufführung. Die Welt ist vielleicht eine Bühne, doch für so manche Aufführung werden die Eintrittskarten nie gedruckt (das würden der Charaktertrainer und Rotkäppchens Mutter auch gar nicht wollen). Der Moderator versteht nicht die Welt, die er zu moderieren programmiert wurde. Das ermöglicht ihm, seine Macht über die Hörerin 126 auszuüben, die ihn samt seiner Geschlechtskategorien los zu werden versucht. Dazu kann er nur sagen: dafür bin ich nicht programmiert. Während Die Stimme des Hörers eine Fiktion bleibt, in der die Montage der Wirklichkeit durch die Massenmedien wiederaufgeführt wird, bietet das Online-Studio fm-scenario.net Nutzerinnen die Möglichkeit, narrativer Module aus Eran Schaerfs Hörspielarbeit zu ihrer eigenen Version der Stimme des Hörers zusammenzustellen.

FM-Scenario – Realitätswettlauf wurde von Margit Rosen, Kuratorin am ZKM Karlsruhe, zusammengestellt. Das Hörspiel bildet gleichzeitig den Ausgangspunkt für Eran Schaerfs Ausstellung im ZKM, Karlsruhe (22. Juni bis 25. August 2013).FM-Scenario – Die Stimme des Hörers ist ein intermediales Projekt, das sich über die Website, Sendungen, Ausstellungen und Publikationen realisiert.

(Quelle: Bayen2. Hörspiel und Medienkunst)
Projektteam
Herbert Kapfer (Redaktion)
Organisation / Institution
Bayern 2. Hörspiel und Medienkunst
Kooperationspartner
BR Hörspiel und Medienkunst; A Production e. V., Berlin; Hartware MedienKunstVerein, Dortmund; Haus der Kulturen der Welt, Berlin; Les Complices, Zürich; Museum für Konkrete Kunst, Ingolstadt; ZKM, Karlsruhe; Kulturstiftung des Bundes