Gerry Schum und Ursula Wevers
Archiv
Das Archiv Gerry Schum und Ursula Wevers
1967–1973
Der Filmemacher Gerry Schum (1938–1973) und die Künstlerin und Kunsthistorikerin Ursula Wevers (*1943) entwickelten mit der Fernsehgalerie Gerry Schum und der späteren videogalerie schum wegweisende Formate, um Fernsehen und Video als eigenständige künstlerische Medien zu etablieren. Die dabei entstandenen Filme und Videos zählen heute zum internationalen Kanon der Videokunst, der Land Art und der Konzeptkunst.
Das Archiv bildet drei Phasen ab: die frühen Filmarbeiten von Gerry Schum (1967–1968), die Fernsehgalerie Gerry Schum (1969–1970) und die videogalerie schum (1971–1973).
Kurzfilme und dokumentarische Filme für das westdeutsche Fernsehen (1967–1968)
Zwischen 1967 und 1968 realisierte Gerry Schum eine Reihe von Kurz- und Dokumentarfilmen über Kunst. In Zusammenarbeit mit der Künstlerin und Kunsthistorikerin Hannah Weitemeier und dem Künstler Bernhard Höke entstanden: Schaustücke – Ereignisse (SFB, 1967), eine kurze Dokumentation einer Aktion von Bernhard Höke, 6. Kunst-Biennale San Marino (WDR, 1967) sowie Konsumkunst – Kunstkonsum (WDR, 1968). Diese Auftragsarbeiten waren deutlich dokumentarisch beziehungsweise essayistisch angelegt, eröffneten Schum jedoch den Zugang zu den Sendeanstalten. Zugleich brachten sie ihn mit zentralen Debatten der späten 1960er-Jahre in Berührung: industrielle Produktionsweisen, Multiplikation von Werken und ihrer Vermarktung sowie die Frage, auf welche Weise Kunst jenseits traditioneller Ausstellungs- und Besitzformen öffentlich wirksam werden konnte.
Die Fernsehgalerie Gerry Schum (1969–1970)
Die Fernsehgalerie reagierte auf veränderte Vorstellungen von Kunstproduktion und Kunstkonsum sowie auf die Krise des Kunstwerks als Objekt, die gegen Ende der 1960er-Jahre zunehmend sichtbar wurde. Prozesse, Aktionen und ortsspezifische Arbeiten entzogen sich den herkömmlichen Formen des Sammelns und Ausstellens.
Das im Mai 1968 beim Sender Freies Berlin (SFB) eingereichte Exposé zur Fernseh-Galerie Berlin, das erstmals die Idee einer reinen Fernsehausstellung sowie deren Ablauf fixierte, entwickelte Gerry Schum in Zusammenarbeit mit der Kunsthistorikerin Hannah Weitemeier und dem Künstler Bernhard Höke. Ab Oktober 1968 wirkte Ursula Wevers wesentlich an der Gestaltung und Realisierung der Fernsehgalerie mit. Das letztlich beim SFB von Schum und Wevers eingereichte Drehbuch enthielt ein völlig neues Konzept und andere Künstler. Die zunächst stark gesellschaftspolitische Ausrichtung wich einer klareren Definition der Idee einer »Fernsehgalerie«.
Am 15. April 1969 ging die Fernsehgalerie Gerry Schum erstmals auf Sendung: Die ARD strahlte mit LAND ART die erste Fernsehausstellung aus. Am 30. November 1970 folgte mit IDENTIFICATIONS eine zweite Fernsehausstellung im Südwestfunk. Alle Filme waren für das Fernsehen konzipiert worden. Die Produktionen entstanden in Zusammenarbeit mit dreißig Künstlern, darunter Joseph Beuys, Daniel Buren, Jan Dibbets, Richard Long, Mario Merz, Richard Serra und Lawrence Weiner. Hinzu kamen die Fernsehinterventionen von Keith Arnatt und Jan Dibbets, die unangekündigt in das laufende Programm eingriffen.
videogalerie schum (1971–1973)
Nachdem die öffentlich-rechtlichen Sender eine weitere Zusammenarbeit ablehnten, entwickelten Schum und Wevers 1971 ein neues Konzept: die videogalerie schum in Düsseldorf. Es war die erste Galerie Europas, die sich ausschließlich der Produktion und dem Vertrieb von Videokunst widmete.
Das Archiv
Das Archiv dokumentiert eine entscheidende Veränderung in der Kunst- und Mediengeschichte: die Entwicklung von Fernsehen und Video zu eigenständigen künstlerischen Medien, die nicht nur über Kunst berichten oder sie dokumentieren, sondern mit denen Kunst selbst realisiert wird. Dies spiegelt die kulturellen Umbrüche wider und verdeutlicht die wichtige Rolle Deutschlands als ein Zentrum avantgardistischer Kunstproduktion zu dieser Zeit. Es bewahrt nicht nur zentrale Werke, sondern dokumentiert auch die materiellen und institutionellen Bedingungen ihrer Entstehung.
Der besondere Wert des Archivs liegt in der umfassenden Kontextualisierung der Projekte. Die Materialien geben Einblick in konzeptuelle Überlegungen, künstlerische Entscheidungen, technische Voraussetzungen, organisatorische Abläufe und institutionelle Aushandlungen und machen diese nachvollziehbar. Sie zeigen, wie eng Fragen der Ästhetik mit Fragen der Technik, der Distribution und des Marktes verbunden waren.
Das Archiv zeigt auch, dass die Fernsehgalerie Gerry Schum und die videogalerie schum kollaborative Projekte waren, sowohl mit den beteiligten Künstler:innen wie auf konzeptueller und organisatorischer Seite, erst mit Bernhard Höke und Hannah Weitemeier, dann vor allem mit Ursula Wevers, die seit Oktober 1968 die Realisierung der Fernsehgalerie Gerry Schum und der späteren videogalerie schum entscheidend mitgestaltete.
Das Archiv vereint künstlerische Arbeiten, technische Medien und umfangreiche Dokumente zur Entstehung und Verbreitung der Projekte:
Filme und Videos
66 originale 16-mm-Filme und 81 Videobänder unterschiedlicher Formate, darunter die vollständigen Produktionen der Fernsehausstellungen, die Editionen der videogalerie sowie unfertige Projekte
Künstlerische Materialien
Zeichnungen, Collagen und Objekte, die im Zusammenhang der Produktionen entstanden, häufig in Form von Zertifikaten
Dokumente und Archivalien
Korrespondenzen mit Künstler:innen, Fernsehsendern, Museen und Sammler:innen, Exposés, Drucksachen, Fotografien, Negative, Pressedossiers und Audiomaterialien
Technisches Equipment
Kamera, Schnittgerät, Monitor und weitere Geräte der frühen Videoproduktion
Der Bestand konnte 2025 mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder, der Stadt Karlsruhe und des Landes Baden-Württemberg erworben werden.
Künstler:innen des Archivs (Auswahl)
Giovanni Anselmo, Keith Arnatt, John Baldessari, Joseph Beuys, Alighiero Boetti, Marinus Boezem, Stanley Brouwn, Daniel Buren, Pier Paolo Calzolari, Gino De Dominicis, Ger van Elk, Event Structure Research Group, Jan Dibbets, Barry Flanagan, Hamish Fulton, Gilbert & George, Michael Heizer, Imi Knoebel, Gary Kuehn, Richard Long, Walter de Maria, Mario Merz, Dennis Oppenheim, Klaus Rinke, Peter Roehr, Ulrike Rosenbach, Ulrich Rückriem, Reiner Ruthenbeck, Richard Serra, Robert Smithson, Keith Sonnier, Franz Erhard Walther, Lawrence Weiner, Ursula Wevers, Gilberto Zorio
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