Sonic Experiments – Resonating Futures

Do, 10.12.2026 19:00 Uhr CET

Ort
Kubus
Kosten
Tickets ab 10 € | an der ZKM-Infotheke und in Kürze online auf Reservixx

Sonic Experiments 2026 – Resonating Futures präsentiert Uraufführungen experimenteller elektronischer Musik, die im Rahmen einer vierwöchigen Residency in den Studios des ZKM | Hertzlabs entstanden sind. 

Das international ausgelegte Artist-in-Residency-Programm Sonic Experiments widmet sich aktuellen Entwicklungen innerhalb der verschiedenen Spielarten experimenteller elektronischer Musik. Vier im Rahmen eines Open Calls ausgewählte Gastkünstler:innen experimentierten für einen Monat lang mit neuen Klängen rund um den thematischen Schwerpunkt Science-Fiction und Raumfahrt. Dabei betraten sie terra incognita und entwickelten neue Werke, die im Rahmen dieses Konzertes zur Premiere kommen. Freut euch auf spannende Kompositionen und Performances von Abigail Toll, Anaparn, David Tanner und Lautaro Figueroa Balcarce.

Programm

  1. ABIGAIL TOLL – Afterimage II

    Afterimage II ist ein elektroakustisches Werk, das untersucht, wie eine anhaltende Frequenzeinwirkung das Bewusstsein in eine andere Dimension versetzen kann – eine Art Raumfahrt, die von innen heraus stattfindet. Das Stimmungssystem des Stücks orientiert sich an den Resonanzfrequenzen des 5.000 Jahre alten Ħal Saflieni Hypogeums auf Malta – einem Bauwerk, dessen Kammern von den Erbauer:innen so errichtet wurden, dass sie auf Himmelsereignisse ausgerichtet sind und den unterirdischen Tempel somit zu einer verkörperten Sternwarte machten. Dieselbe Architektur erzeugt zudem in ihrer tiefsten Kammer eine Resonanzfrequenz von etwa 110 Hz, die so intensiv ist, dass man den Klang körperlich wahrnehmen kann. Akustik und Astronomie wurden hier gemeinsam zu einem Ganzen verschmolzen – zu einem Bauwerk, das durch die Abstimmung des Gesteins im Inneren den Himmel darüber nachverfolgte. Die zentrale These des Werks lautet, dass Deep Listening eine Technik der inneren Raumfahrt und Transzendenz ist, bei der Klang das Bewusstsein über Entfernungen hinweg trägt, die der Körper physisch niemals überwinden wird. Die verräumlichte Ausgestaltung der Komposition lässt den Klang in Mustern durch den Raum wandern und zielt darauf ab, die Wahrnehmung fixer Positionen im Raum zu verschleiern. Diese psychoakustischen Effekte aktivieren die vom Werk theoretisierte Wahrnehmungsmobilität und verfolgen sowohl das Sonnensystem im Außen als auch den Trancezustand im Inneren.

  2. ANAPARN

    Dieses Projekt geht von einer Frage aus, zu der ich immer wieder zurückkehre: Was macht uns zu Menschen, wenn wir nicht von der Welt um uns herum getrennt sind? Post-organic ist eine audiovisuelle Arbeit, die als räumliches Klangerlebnis konzipiert ist. Die Arbeit untersucht den Zerfall nicht einfach als Verwesung oder Tod, sondern als einen Prozess der Verwandlung. Ein Körper, eine Pflanze, ein Tier, ein Gegenstand, ein Gebäude oder eine Erinnerung kann seine bzw. ihre Form verlieren. Doch in dieser Welt verschwindet nichts wirklich. Es zerfällt, verändert seinen Zustand und wird Teil von etwas anderem, während sich Materie ständig zersetzt, verwandelt und in neuen Formen wiederkehrt. Das Projekt betrachtet die Zersetzung als eine Reise in einen unbekannten Daseinszustand. Durch räumlichen Klang versetzt es die Zuhörenden in eine spekulative Zukunftsumgebung, in der menschliche Körper, organische Substanzen, Wasser, Abfall und Erinnerung im selben Ökosystem zirkulieren. In dieser imaginären Umgebung beginnt sich die Trennung zwischen Mensch und Natur aufzulösen.
     

  3. DAVID TANNER – 92x24

    92x24 ist eine Live-Coding-Performance für 4 low-power Radiosender, 2 analoge Radiofernseher und 1 KW-Radio und besteht aus einem vorbereiteten Fixed-Media-Video und einer Live-Performance mit vor Ort programmierten Interferenzsignalen. Die Performance befasst sich mit dem propagierten Optimismus zur Zeit des Space Race, den daraus folgenden Darstellungen von technischen Errungenschaften und utopischen Zukunftsvisionen der 50er- bis 70er-Jahre im direkten Kontrast zu heutigen Lebensrealitäten in großer sozialer Ungerechtigkeit und privatisierter Raumfahrt von Milliardären (dem sog. ‚billionaire space race’). 

  4. LAUTARO FIGUEROA BALCARCE

    Dieses Projekt inszeniert eine spekulative Begegnung zwischen einer Sängerin und einer ihr unbekannten Intelligenz, die sie durch die Linse der Bioakustik beobachtet und kehrt damit die Logik der Studien um, die wir an Tieren durchführen. Es regt uns dazu an, darüber nachzudenken, welche Aspekte unserer Existenz Beobachtenden sowie deren Wahrnehmungs- und Verständnisweisen sich grundlegend von unseren eigenen unterscheiden, fremd, unverständlich oder sogar außerirdisch erscheinen könnten.

Statement der Jury

Wie könnte eine Musik klingen, die sich, losgelöst von den realweltlichen Bedingungen der Erde, in einer grundlegend andersartigen Umgebung entfaltet? Wo landen wir, wenn wir angeregt durch Klang auf eine imaginäre Reise durch unbekannte internale und externale Räume gehen und Distanzen überwinden, die wir als rein physische Körper niemals bewältigen könnten? Was macht uns dabei als Menschen aus, wenn wir uns nicht von der uns umgebenden Welt entfremden und wir Dekomposition als Reise in diese unbekannten Daseinszustände verstehen? Und wie klingt es eigentlich, wenn der propagierte Optimismus des Space Race der 1950er und 1960er Jahre jenem des derzeitigen von Megalomanie durchtränkten Billionaire Space Race einiger schwerstreicher privater Großunternehmer gegenübergestellt wird?

Wir sind gespannt auf die immersive Auseinandersetzung mit diesen spekulativen Zukünften sowie auf die zwischen Live Coding, audiovisuellen Fixed-Media-Werken und Live-Elektronik angesiedelten phantastisch anmutenden Klangwelten der ausgewählten Sound Artists, die uns aufgrund ihrer innovativen kompositorisch-konzeptionellen Arbeit vollständig überzeugten. Wir freuen uns daher sehr, die vier Stipendien im Rahmen von Sonic Experiments 2026 – Resonating Futures an Lautaro Figueroa Balcarce, Abigail Toll, Anaparn und David Tanner zu vergeben, um gemeinsam mit ihnen diese Zukünfte zu bereisen und terra incognita zu betreten. The future is now!

Die Jury

Die Reihe Sonic Experiments widmet sich den aktuellen Entwicklungen innerhalb der verschiedenen Spielarten experimenteller elektronischer Musik. Das Programm präsentiert Musiker:innen und Klangkünstler:innen, die entweder ein besonderes Gefühl für neue, zukunftsgewandte Impulse haben oder besonders innovative kompositorische Ansätze verfolgen. Ziel der Reihe ist es, das Publikum dazu einzuladen, das Unerwartete zu erwarten.

Gefördert von

Die finanziellen Mittel des an David Tanner vergebenen Lokalstipendiums für Karlsruher Artists werden von der Fördergesellschaft ZKM | HfG e. V. gestiftet.

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