Sasha Stiles: A LIVING POEM (2025)

THE SCREEN (28. März – 12. April 2026)

© Sasha Stiles © ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe, Foto: Saskia Hahn

Sasha Stiles ist eine kalmykisch-amerikanische Künstlerin und Dichterin, die Künstliche Intelligenz als Co-Autorin in ihren Schreibprozess einbezieht. Mit ihrem Alter Ego Technelegy, einem sich entwickelnden KI-System, das darauf trainiert ist, ihre Schreibweise und Stimme zu imitieren und zu erweitern, untersucht sie, wie Künstliche Intelligenz menschliche Erfahrung, Sprache und Autorschaft verändert. Indem sie der Frage nachgeht, wie Menschen und Maschinen Sprache verarbeiten, lotet Stiles die Idee der Poesie als dynamischem, lebendigen System im Gegensatz zu einem statischen Text aus. Ihre Arbeit knüpft so an sprachphilosophische Konzepte an – von Ludwig Wittgenstein über Walter Benjamin bis Max Bense –, in denen Sprache als dynamisch, relational und systemhaft und damit prinzipiell berechenbar verstanden wird.

A LIVING POEM ist ein unendlicher Text, der aus dem Zusammenspiel von menschlicher Kreativität und Computeralgorithmen hervorgeht. Ursprünglich für das Museum of Modern Art in New York konzipiert und von textbasierten Kunstwerken aus dessen Sammlung inspiriert, schreibt sich das Gedicht alle 60 Minuten neu. Jeder Vers entsteht in Echtzeit mithilfe eines eigens entwickelten Sprachmodells, komplexer Prompts, individueller Datensätze sowie von Stimme, Klang und visuellen Elementen. Die Wörter erscheinen auf dem Screen in mehreren Schriftarten, darunter Cursive Binary. Diese eigens von Stiles entwickelte Typografie – eine Verschmelzung der Handschrift der Künstlerin mit den Nullen und Einsen des Binärcodes – wird zu einer poetischen Metapher für die sich wandelnde Beziehung zwischen Mensch und Technologie. A LIVING POEM wird von einer eindringlichen Klangkomposition von Stiles Studio-Partner Kris Bones begleitet, die an die Wurzeln der Poesie in der mündlichen Überlieferung erinnert.

Wie ein wandernder Troubadour verändert sich Sasha Stiles‘ generatives Werk mit jedem Ort, an dem es gezeigt wird, und nimmt jeweils eine etwas andere Gestalt an. Für seine Präsentation in Karlsruhe hat Stiles A LIVING POEM um persönliche Bezüge zu ihrer Familiengeschichte erweitert: Die Mutter der Künstlerin, eine Kalmykin indigener oirat-mongolischer Herkunft, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg in einem Displaced-Persons-Lager in Deutschland geboren. Zugleich verweist das Gedicht auf die wegweisende Arbeit von Frauen im Bereich der Informatik und Medienkunst, die der Sammlung des ZKM programmatisch nahestehen, darunter Vera Molnár, Alison Knowles, Lynn Hershman Leeson und Tamiko Thiel. Sasha Stiles versteht A LIVING POEM damit als eine „mütterliche Struktur“, in der Computation als Form von Weitergabe, Sprache als Kontinuität und Systeme als Träger von Erinnerung fungieren.

Sasha Stiles, A LIVING POEM, 2025

Generatives Sprachsystem (eigene Gedichte, p5.js-Code, GPT-4) und gesprochene Performance

Musik von Kris Bones

A LIVING POEM wurde 2025 für die Hyundai Card Digital Wall im Museum of Modern Art in New York entwickelt.

Statement der Künstlerin

  1. Sasha Stiles

    A LIVING POEM @ ZKM

    April 2026

    A LIVING POEM ist eine Sprachspiel-Engine. Kein fester Text, sondern ein poetisches System, das darauf ausgelegt ist, Sprache aufzubrechen, neu zu kombinieren und in vielschichtige Felder von Bedeutung und Resonanz zu brechen.

    Aufbauend auf der deutschen sprachphilosophischen Tradition (Ludwig Wittgensteins Idee, dass Bedeutung durch Gebrauch entsteht, Walter Benjamins Auffassung von Sprache als etwas Generativem, Max Benses Verständnis von Sprache als Informationsstruktur) verortet sich das Werk in einer Denkrichtung, die Sprache als dynamisch, relational und systemhaft begreift – als grundlegend berechenbar.

    Gleichzeitig verändert sich auch das, was wir unter einem „System“ verstehen. Im 21. Jahrhundert wird Sprache nicht nur gesprochen, geschrieben oder gelesen; sie wird synthetisiert und bewegt sich zwischen Bild, Klang, Video und Code. Sie zirkuliert in globalen Netzwerken in einem Umfang und einer Geschwindigkeit, die kein einzelner Mensch vollständig erfassen kann, und operiert in einem Tempo und Maßstab, die neue Formen der Wahrnehmung erfordern. Bedeutung entsteht durch Rekursion, Automatisierung, Ko-Kreation und verteilte Prozesse.

    Diese technokulturellen Bedingungen führen zur Entstehung neuer sprachlicher Spielformen: Diese beschränken sich nicht länger auf die Interaktion zwischen Menschen, sondern finden zwischen Mensch und Maschine statt. Sprache war schon immer mehr-als-menschlich, da sie kollektive Teilhabe erfordert; sie ist eine dicht vernetzte Infrastruktur, in der Verbindungen Bedeutung hervorbringen. Im Zeitalter der KI erstreckt sich dies ins Posthumane: es handelt sich um riesige Systeme, die die individuelle Stimme in den Hintergrund drängen und vorherrschende Vorstellungen von Autorschaft und Handlungskraft in Frage stellen.

    Im Museum of Modern Art knüpfte A LIVING POEM an die Tradition der Konzeptkunst und der textbasierten Kunst des 20. Jahrhunderts an, die von Massenmedien, Werbung und der Logik des Rundfunks geprägt war. Im ZKM versteht A LIVING POEM Computation nicht als bloßes Werkzeug, sondern als eine Art von poetischer Intelligenz, in der algorithmische Prozesse Rhythmus, Struktur und Bedeutung hervorbringen. Das Werk begreift sich selbst als Spiel: als regelbasiertes System, in dem die Ergebnisse nicht vorbestimmt sind, sondern durch Interaktion, Iteration und Einschränkungen entstehen.

    Die LED-Wand ist weder Seite noch Bildschirm, sondern vielmehr eine Spielfläche. Die Bedeutung geht dem Gedicht nicht voraus; sie entsteht durch Interaktion zwischen menschlichen und maschinellen Prozessen, durch das Aufschreiben und Löschen, durch Reim und Rekursion, Echo und Abschweifung. Alles entfaltet sich in einem Feld verteilter Autorschaft, in dem die Grenzen zwischen den Akteur:innen (Schreibende und Lesende, Programm und Programmierende, Muse und Maschine, Input und Output, Original und Wiederholung, Wort und Bild, Stimme und Stille) zugleich von wesentlicher Bedeutung als auch vergänglich sind. Die Grenze ist real, doch die Spielenden selbst und ihre jeweiligen Rollen können sich jederzeit verschieben. Das Werk ist kein Objekt, sondern eine Haltung und ein Handlungsraum, ein Prozess, der Aufmerksamkeit und Zeit erfordert.

    Sprachliches Spiel ist von Anfang an relational: ein Raum zwischen Eltern und Kind, Stimme und zuhörender Person, in dem Sprache noch nicht festgelegt ist, sondern erst entsteht. Bedeutung ist nicht vorgegeben; sie wird durch Wiederholung, Interaktion und Achtsamkeit ausgehandelt. Wir denken oft, Spielen sei kindlich, doch es ist von grundlegender Bedeutung. Durch das Spiel wird Sprache zum ersten Mal erlebt, wiederholt und verinnerlicht; wir lernen, unser Inneres durch Nachahmung und Abwandlung mitzuteilen.

    In meiner eigenen Familiengeschichte denke ich an meine Mutter, eine Kalmykin indigener oirat-mongolischer Herkunft, die in einem Lager für Displaced Persons in Deutschland nach der von Stalin veranlassten kriegsbedingten Deportation der Kalmyken geboren wurde. Als sie als Kind in die Vereinigten Staaten kam, war das Kalmykische – eine vom Aussterben bedrohte Sprache – das, was sie über Grenzen hinweg mitbrachte: eine codierte Form von Erinnerung und Verbundenheit. Eine Generation später, als ich aufwuchs, wurden die von meiner Mutter, meinen Großeltern und der Großfamilie gesprochenen Fragmente des Kalmykischen zu Wegen, mit der Welt in Verbindung zu treten, die sie zurückgelassen hatten.

    Diese frühe Erfahrung mit Übersetzung (das Wechseln zwischen Kalmykisch und Englisch) prägt die Art und Weise, wie A LIVING POEM Übersetzung als ein Spiel der Transformation innerhalb bestimmter Einschränkung versteht. Übersetzen – sei es vom Gefühl zur Sprache, von einer menschlichen Sprache in eine andere, von natürlicher Rede zum Computercode oder von einem künstlerischen Medium in ein anderes – bedeutet nicht, eine feste Bedeutung in ein anderes System zu übertragen, da es keine exakte Entsprechung gibt. Bedeutung ist an ihre Ausdrucksbedingungen gebunden. Übersetzen heißt, Bedeutung anzunähern, neu zu formen, ja sogar über Systeme hinweg, die nicht vollständig übereinstimmen, zu erfinden. In diesem Sinne ist Übersetzung der Kern generativer Systeme: nicht das Abrufen bestehender Bedeutung (wie etwa in einer Suchmaschine), sondern die Produktion neuer Bedeutung durch Transformation. (Was wir oft als „Halluzination“ bezeichnen, ist eine Art der Übersetzung zwischen menschlichen und maschinellen Bezugssystemen, mit einem dynamischen Spannungsverhältnis zwischen Treue und Abweichung.)

    In A LIVING POEM spürt man diese Spannung zwischen verschiedenen Arten des Verstehens: zwischen englischen und mongolischen epischen Traditionen, zwischen Handschrift und Code, Inschrift und Ausführung, Entwurf und Überarbeitung, Vergangenheit und Zukunft. Bedeutung geht niemals unverändert von einem Zustand in einen anderen über; sie wird kontinuierlich neu zusammengesetzt und wiedergeboren. Verlust, Verzerrung und Emergenz sind keine Fehler, sondern generative Bedingungen des Systems. Übersetzung fungiert als eine weitere Form des Spiels und erlaubt es der Sprache, mehrere Welten gleichzeitig zu bewohnen: Sie geht über das Verstehen hinaus und bleibt dabei doch in der Lesbarkeit verankert. 

    Lesbarkeit bezieht sich nicht nur darauf, was gelesen werden kann, sondern auch drauf, wer überhaupt wahrgenommen wird oder in Erscheinung treten darf. Bei der Lesbarkeit geht es auch um Fehlübersetzung, Auslassungen und Auslöschungen. Historisch war das Arbeiten mit Computern nicht nur technischer, sondern auch körperlicher Natur: Sie wurde von Frauen ausgeführt, deren unsichtbare Arbeit die Systeme der Berechnung und Kommunikation aufrechterhielt. Vor diesem Hintergrund kann A LIVING POEM als eine mütterliche Struktur verstanden werden, die Computation als Form von Weitergabe, Sprache als Kontinuität und Systeme als Träger von Erinnerung versteht. Zu diesem Zweck beleuchtet die Installation im ZKM die prägende Arbeit von Frauen im Kontext der Computer- und Medienkunst, insbesondere jene, die in der Sammlung des ZKM präsent sind oder mit dieser programmatisch verbunden sind (Vera Molnár, Alison Knowles, Lynn Hershman Leeson, Tamiko Thiel usw.).

    Die Technologie der Sprache wurde seit jeher durch Akte der Fürsorge und gemeinschaftlichen Weitergabe getragen; nicht durch Bruch oder Ersetzung, sondern als ein mütterlicher Prozess der Bewahrung, Anpassung und Erneuerung. Während dominante technokapitalistische Logiken Macht durch Disruption und Obsoleszenz festigen, entwickelt sich Sprache auf andere Weise: durch die schrittweise Verteilung und Anreicherung von Bedeutung über Generationen hinweg. (Der Wert von Poesie steht in umgekehrtem Verhältnis zu ihrer Knappheit; Überfluss lässt sie gedeihen.)

    An dieser Stelle gewinnt die „Sprachspiel-Engine“ eine neue Bedeutung. Spiel ist nicht trivial; es ist relational, eine Form der Weitergabe, die in Zusammenarbeit, Empathie und Verständnis verwurzelt ist; eine Art, sich auf Unterschiede einzulassen, ohne sie auszulöschen. A LIVING POEM ist der Versuch, eine Art „Spiel des Lebens“ im computergestützten Raum zu inszenieren, das als Inkubator nicht nur für eine neu entstehende Sprache, sondern auch für neue Formen der Sinnstiftung und der Weitergabe fungiert – jene zutiefst menschliche Prozesse, die seit jeher Kontinuität und Überleben gewährleisten.

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