Ćilim 2.5

von Amer Tanović

Do, 11.12.2025 – So, 11.01.2026

© Amer Tanović
Ort
Foyer
Kosten
Eintritt frei

Ćilim 2.5 ist ein computergenerierter Kelim (traditioneller Webteppich oder Wandbehang), der patriarchale Interpretationen zeitgenössischer Technologien und traditioneller Handwerkskunst hinterfragt. Durch die Übersetzung der analogen Kelim-Motive in eine digitale Form stellt das Werk einen Ort der Reflexion darüber her, welche Wertschätzungen wir mit Geschlechterassoziationen verbinden.

In Tanovićs Arbeit verformen sich fortlaufend Kelim-Muster aus computergenerierten Partikeln. Eine Strophe aus einem alten bosnischen Volkslied über das Weben, „Ja navila iveraču“, erklingt in Dauerschleife mit zunehmender robotischer Verzerrung. Im Laufe von nur fünf Wiederholungen vollzieht die Stimme eine Transformation von einem rohen, ganz menschlichen und verständlichen Klang in ein unkenntliches Störgeräusch. Die Partikel vibrieren mit jedem Ton. 

Die Traditionelle Kelim-Webkunst mit ihren Motiven und Farben zählt zu den am häufigsten neu interpretierten visuellen Elementen der bosnisch-herzegowinischen Kultur: vom Logo für die Olympischen Winterspiele 1984 in Sarajevo bis hin zu zahlreichen Beispielen bei Marken und Organisationen, die mit dieser Ästhetik scheinbar einen gewissen Patriotismus ansprechen wollen. Diese Symbole werden eher oberflächlich und in meist dekorativer Funktion verwendet, ohne über eine generelle Kennzeichnung als bosnisch-herzegowinisch hinauszugehen. 

Die verstorbene Großmutter des Künstlers verbrachte einen Teil ihres Lebens damit, Kelims zu weben. Als junge Frau lebte sie in einem ostherzegowinischen Dorf nahe der Kleinstadt Gacko. Ein Kelim-Händler aus der Gegend reiste regelmäßig nach Dubrovnik, um die handgefertigten Waren zu profitablen Preisen zu verkaufen. Als er das erste Mal kam, um Kelims von ihr zu kaufen, legte sie großen Wert auf ihre Arbeit und forderte einen Preis, den ihr Ehemann und ihr Schwiegervater für zu hoch hielten. Der Händler akzeptierte sofort, und so etablierte sie mit ihrer Arbeit eine neue Einkommensquelle für den Haushalt.

Amer Tanović interessiert diese Symbolik des Kelim. In seinen Nachforschungen untersucht er, ob die Kelim-Weberei in ihrer Funktion als finanzielle Beteiligung von Frauen als Mittel diente, um patriarchale Strukturen aufzubrechen, in einer Zeit, in der eine solcher Beteiligung weder erwartet noch erwünscht war. 

Einige Ethnologen verbinden die wiederkehrenden Motive aus Dreiecken und Rauten mit Kulturen der Jungsteinzeit. Dort finden sie sich bei der Verehrung der Sonne oder einer göttlichen Mutterfigur als Zeichen für Weiblichkeit, Fruchtbarkeit und die Verbindung zur Natur. Durch die dekorative Verwendung des Kelim im heutigen Zeitalter scheinen die Bedeutungen dieser Symbole längst dekontextualisiert und weitestgehend in Vergessenheit geraten zu sein. Der Künstler versteht diese Verdrängung symbolisch für den Umgang mit Weiblichkeit im Patriarchat.

Im Kontext der heutigen Rhetorik der „maskulinen Energie“ im technologischen Diskurs kann die traditionelle Symbolik der Kelim-Webkunst einen Kontrapunkt darstellen. Der konservative Ton in der Technikbranche prägt unter wachsendem Einfluss rechter Politik die Auffassung von Technologien und digitalen Räumen. Ehemals liberale „Tech Bros“ sprechen als CEOs jetzt davon, Vielfalt im Netz einzuschränken, und von einem Bedarf an mehr „maskuliner Energie“. Redefreiheit wird als Rechtfertigung für die aggressive Verbreitung dieser Ansichten und des daraus folgenden Hasses sowie für die selektive Zensur herangezogen. Es entsteht der Eindruck, dass Technologie und der digitale Raum in den Dienst der Eingrenzung akzeptierter Formen menschlicher Existenz und Gedanken gestellt werden, während konservativen Werten und autoritären Vorstellungen von Männlichkeit immer größere Bedeutung eingeräumt wird. Generative Kunst öffnet den Raum für ein Denken über Technologie außerhalb auferlegter Rahmungen. Technologie muss nicht ausschließlich ein Symbol für Kontrolle und kapitalistischen Fortschritt sein; sie kann auch ein Raum für Empfindsamkeit, Offenheit und Veränderung sein. 

Mit diesem computergenerierten Kelim versucht Tanović, einen Denkraum dafür zu schaffen, was passiert, wenn Weiblichkeit in all ihren Formen die Welt der Algorithmen, Systeme und Ideologien konfrontiert, die auf Kontrolle und Homogenität ausgerichtet ist.

Ćilim 2.5

  1. Weaving Media. Between Code, Labour and Memory

    Ein Beitrag von Konul Rafiyeva, kuratorische Stipendiatin am ZKM

    Textilarbeit ist eine der ältesten Medieninfrastrukturen der Menschheit. Bevor Bilder geschaffen wurden oder Ton aufgenommen werden konnte, organisierten Fäden den Raum durch Rhythmus, Spannung und Abschnitte. Das Weben an sich diente als frühe Plattform: als Protokoll, durch das menschliche Bewegung materielle Strukturen hervorbrachte. Wiederholung verleiht der Geste eine unerwartete affektive Aufladung: die selbe Bewegung, wieder und wieder.

    Amer Tanovićs Ćilim 2.5 kehrt zu diesem proto-medialen Zustand zurück, in dem nicht ein Bild nach einem Bildschirm sucht, sondern Struktur nach einem Körper.
    Muster werden zur Matrix.
    Fäden werden zum Protokoll.
    Jede Raute, jeder Winkel, jede rekursive Form funktioniert weniger als Ornament und mehr als Bewegungsaussage, als sanfter Befehl, der im kulturellen Gedächtnis eingebettet ist.

    Die Motive – Fruchtbarkeitssymbole, schützende Geometrien, kosmologische Diagramme, die in ethnographischen Studien Bosniens und der benachbarten Regionen dokumentiert sind – erscheinen nicht als dekorative Überreste, sondern als ausdauernde kulturelle Algorithmen. Sie entstehen durch Geschlechterrollen bei der Arbeit, kollektive Verkörperlichung und althergebrachte Symbolik. Selbst in digitaler Gestalt bleibt die rhythmische Präsenz dieser Strukturen erhalten: sie sind nicht selbst materiell, beruhen aber auf Wiederholung, kleinsten Vibrationen und Zeitmustern.

    Klang aktiviert dieses mediale Feld.
    Das traditionelle Weberlied führt den Kelim in sein ursprüngliches technologisches Ökosystem zurück, in dem Stimmen Gesten synchronisieren und gemeinsame Zeitwahrnehmung organisieren. In Ćilim 2.5 ist der Klang keine Begleitung der digitalen Struktur; er durchzieht sie und überträgt die Logik der Atmung in eine visuelle Form, um so eine sensorische Kontinuität zwischen textiler Praxis und ihrer zeitgenössischen Instanz herzustellen.

    Tanovićs digitaler Kelim kann wie ein visueller Code oder ein Text gelesen werden. Während die bewegten Partikel ihre Entwicklungen vollziehen, bildet sich eine Gegenströmung; ein subtiler Druck, der nicht allein von der Arbeit ausgeht, sondern vom Akt des „Lesens“ oder Betrachtens. Irgendetwas am Takt der Bewegung, an der beständigen Spannung zwischen den Partikeln, erreicht den Betrachter mit einer stillen Beharrlichkeit, als würde das Werk den Körper, der ihm begegnet, wahrnehmen. Bevor Erkennen sich in Denken verwandelt, findet der Betrachter sich in einer unerwarteten Nähe wieder, in einem gemeinsamen Vibrationsfeld, in dem zwei Präsenzen – eine zeigende und eine sehende – vorübergehend im Einklang stehen. Was wir wahrnehmen, ist nicht einfach das Kunstwerk, sondern die Resonanz einer anderen Aufmerksamkeit, die unsere eigene unterhalb der Schwelle von Sprachlichkeit berührt.

    In diesem Sinne lässt sich Ćilim 2.5 weniger als digitale Übersetzung einer traditionellen Form auffassen, sondern vielmehr als Untersuchung der strukturellen Bedingungen, unter denen textile Praktiken über Mediengrenzen hinweg bestehen können. Das Werk zeigt, wie Muster nicht nur als ästhetische Motive, sondern als Bezugssysteme fungieren; eine Unterscheidung, die für das Verständnis von Textiler Arbeit als epistemische Technologie essenziell ist.

    Was hier sichtbar wird, steht im Einklang mit allgemeinen Entwicklungen der Mediengeschichte: der Übergang von manuellen Abläufen zu computerbasierten Vorgängen ohne Verlust von körperlichem Wissen. Diese Kontinuität steht häufig im Mittelpunkt der Medienkunst, wo analoge Gesten und digitale Prozesse oft einer gemeinsamen Logik folgen. Auch wenn Ćilim 2.5 sich mit historischen Strukturen der Textilherstellung befasst, erwächst seine zeitgenössische Relevanz aus den sozialen Relationen, die es aufgreift.
    Das Werk ist nicht bloß eine digitale Neuinterpretation von Mustern; es ist eine Neuartikulation der Webkunst als kollektive Technologie, als System zur Strukturierung von Zeit, Arbeit und gemeinsamem Erleben. 

    Durch den Kontakt mit der Öffentlichkeit ist der Kelim kein statisches Artefakt, sondern ein Medium der öffentlichen Beteiligung. Betrachter*innen sind eingeladen, darüber nachzudenken, wie, von wem und unter welchen Umständen Muster produziert werden. Dadurch verschiebt sich die Aufmerksamkeit von der Ästhetik hin zu den sozialen Infrastrukturen, die textile Praktiken heute ermöglichen; darunter geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, intergenerationelle Übertragung von Wissen und die dezentralisierte Urheberschaft webender Gemeinschaften. Anstatt einen Textilgegenstand als symbolisches Artefakt zu präsentieren, positioniert Ćilim 2.5 das Objekt als aktiven Akteur in einem größeren Netzwerk sozialer, technologischer und institutioneller Beziehungen.

    Ćilim 2.5 stellt eine Vielzahl an produktiven Fragen darüber in den Raum, wie traditionelle Techniken der Ordnung, Ablaufsteuerung und Wiederholung zeitgenössische algorithmische Systeme vorwegnehmen. Dadurch liefert die Arbeit einen Rahmen für ein Überdenken von Textilarbeit nicht als vererbtes Handwerk, sondern als dynamisches Medium, das kulturelle, technische und soziale Strukturen zum Ausdruck bringt.

    Tanovićs Kelim funktioniert nicht so sehr als Bild, sondern vielmehr als Puls, als Manifestation einer sanften Kraft, die vom Körper gelöste Vorstellungen von Technologie ins Wanken bringt.
    Hier präsentiert sich der Algorithmus nicht als kalte Abstraktion; er agiert als Erweiterung der Berührung, als Fortsetzung der Gesten, die einst Fäden durch die Luft spannten.
    Digitales negiert Materialität nicht; es bringt ihre inneren Abläufe und latenten Strukturen zum Vorschein.

    Die Bedeutung der Arbeit liegt in ihrer Fähigkeit, Strukturen offenzulegen, anstatt sie zu verbergen. 

    Ćilim 2.5 ist keine Abbildung eines Teppichs.
    Es formuliert die Idee von Textil als Medium neu.
    Das Werk suggeriert, dass Weben eine Art des Denkens ist, und dass Code, wie Fäden, dazu dient, Wünsche und Relationen zu strukturieren. 

    Wenn der Kelim lebendig erscheint, liegt das daran, dass er das Gedächtnis der Hände in sich trägt, die ihn in materieller Form gewebt haben und die ihn jetzt aus Licht neu zusammensetzen.

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Mit Dank an Zulfikar Filandra

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