Der Fernseher als Galerie

Das Archiv Gerry Schum und Ursula Wevers

Sa, 30.05.2026 – So, 10.01.2027

© Manfred Tischer
Ort
Lichthof 1
Kosten
Museumseintritt

Im April 1969 erschienen Kunstwerke der internationalen Avantgarde an einem unerwarteten Ort: auf den Fernsehbildschirmen deutscher Wohnzimmer. Der Filmemacher Gerry Schum und die Kunsthistorikerin Ursula Wevers hatten das Fernsehen in einen Ausstellungsraum für Kunst verwandelt. Mit der Fernsehgalerie Gerry Schum und der späteren videogalerie schum gehörten sie zu den Ersten, die versuchten, Fernsehen und Video als künstlerische Medien zu etablieren.

Die Ausstellung Der Fernseher als Galerie. Das Archiv Gerry Schum und Ursula Wevers erzählt die Geschichte dieses heute legendären Projekts. Sie führt zurück in eine Zeit, in der das Kunstwerk als Objekt in Frage gestellt wurde. Prozesse, Aktionen und ortsgebundene Werke ließen sich nicht ohne Weiteres sammeln oder ausstellen. Die Antwort auf diese Situation war ebenso einfach wie radikal: Diese Kunst brauchte ein neues Medium.


Am 15. April 1969 ging die Fernsehgalerie Gerry Schum erstmals auf Sendung: Die ARD strahlte mit LAND ART die erste Fernsehausstellung ausAm 30. November 1970 folgte mit IDENTIFICATIONS eine zweite Fernsehausstellung im Südwestfunk. Alle Filme waren eigens für das Fernsehen konzipiert worden und existierten praktisch nur im Augenblick der Sendung. Die Produktionen, die heute zum internationalen Kanon der Videokunst, Land Art und Konzeptkunst zählen, entstanden in Zusammenarbeit mit 30 Künstlern, darunter Joseph Beuys, Daniel Buren, Jan Dibbets, Richard Long, Mario Merz, Richard Serra und Lawrence Weiner. Hinzu kamen die Fernsehinterventionen Self Burial von Keith Arnatt oder TV as a Fireplace von Jan Dibbets, die unangekündigt in das laufende Programm eingriffen.

„Eine unserer Ideen ist die Kommunikation von Kunst anstelle des Besitzes von Kunstobjekten“, erklärte Gerry Schum. Tatsächlich zielte das Projekt nicht nur auf ein neues Medium, sondern auf eine andere Öffentlichkeit für Kunst und eine neue Ökonomie. Die Fernsehgalerie war ein Gegenentwurf zur Exklusivität von Museum, Galerie und Kunstmarkt. 

Die strukturellen Grenzen dieser Kritik an der Kunst als Ware zeigten sich jedoch bald. Als die Fernsehsender sich weigerten, die Zusammenarbeit fortzusetzen, musste sich das Projekt an genau jene Strukturen des Kunstmarktes anpassen, denen es ursprünglich entkommen wollte. 1971 gründeten Schum und Wevers in Düsseldorf die videogalerie schum und schufen damit ein neues, wegweisendes Modell – die erste Galerie in Europa, die sich ausschließlich der Produktion und dem Vertrieb von Videoeditionen widmete.

Die Ausstellung erzählt anhand des umfangreichen Archivs eine Geschichte von Utopien, von Gelingen und Scheitern – von Gerry Schums ersten Filmen ab 1967 bis zu seinem Freitod im Jahr 1973. Dabei löst sie diese Geschichte aus der Verkürzung auf einen einzelnen Protagonisten. Von Anfang an war das Projekt von Zusammenarbeit geprägt: im Vorfeld mit Bernhard Höke und Hannah Weitemeier, dann vor allem mit Ursula Wevers, die seit Oktober 1968 die Realisierung der Fernsehgalerie Gerry Schum und der späteren videogalerie schum maßgeblich mitgestaltete. 

Grundlage der Ausstellung ist das umfangreiche Archivmaterial, das von Ursula Wevers über 50 Jahre bewahrt wurde. Zu sehen sind nicht nur die bekannten Film- und Videoarbeiten, sondern auch originale 16-mm-Filme und Videobänder, historische Videotechnik sowie Korrespondenzen, Produktionsunterlagen, Fotografien, Drucksachen und Zertifikate. Diese Materialien geben Einblick in die konzeptuelle Arbeit hinter den Projekten, in institutionelle Konflikte und in die praktischen Bedingungen der Produktion.

Das Vermächtnis der Fernsehgalerie und videogalerie wirkt bis heute fort. Die Projekte zeigen, wie ein neues Medium nicht nur die Gestalt der Kunst verändert, sondern auch ihre Produktionsweisen, ihre Verbreitungs- und Besitzformen. Mit jedem technologischen Wandel werden diese Fragen neu verhandelt.

Künstler:innen / Mitwirkende

Giovanni Anselmo, John Baldessari, Joseph Beuys, Alighiero Boetti, Marinus Boezem, Stanley Brouwn, Daniel Buren, Pier Paolo Calzolari, Gino De Dominicis, Walter de Maria, Jan Dibbets, Barry Flanagan, Hamish Fulton, Gilbert & George, Michael Heizer, Bernhard Höke, Gary Kuehn, Richard Long, Mario Merz, Dennis Oppenheim, Klaus Rinke, Ulrich Rückriem, Reiner Ruthenbeck, Gerry Schum, Richard Serra, Robert Smithson, Keith Sonnier, Ger van Elk, Franz Erhard Walther, Lawrence Weiner, Hannah Weitemeier, Ursula Wevers, Gilberto Zorio.

 

Kurator:innen

Team

Labor für antiquierte Videosysteme: Dr. Dorcas Müller, Andreas Behmer, Christian Haardt
Archiv: Björn Stratmann
Technische Projektleitung: Felix Pausch
Gestaltung: Demian Bern

Begleitprogramm

Gefördert von

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