Der Fernseher als Galerie: Das Archiv Gerry Schum und Ursula Wevers
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Pressemitteilung
Der Fernseher als Galerie: ZKM erwirbt das Archiv Gerry Schum und Ursula Wevers
Eines der bedeutendsten Archive der Fernseh- und Videokunstgeschichte kommt nach Karlsruhe
Ausstellung ab 30. Mai 2026
Das ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe erwirbt das Archiv Gerry Schum und Ursula Wevers und sichert damit ein bedeutendes Zeugnis der Kunst des 20. Jahrhunderts für künftige Generationen. Das Archiv dokumentiert die Entwicklung und Aktivitäten der Fernsehgalerie Gerry Schum und der videogalerie schum in den Jahren 1968 bis 1973. Beide Projekte haben maßgeblich dazu beigetragen, Fernsehen und Video als eigenständige künstlerische Medien zu etablieren. Ermöglicht wurde der Erwerb des Archivs durch die Unterstützung der Kulturstiftung der Länder, der Stadt Karlsruhe und des Landes Baden-Württemberg. Ab dem 30. Mai 2026 bietet die Ausstellung „Der Fernseher als Galerie: Das Archiv Gerry Schum und Ursula Wevers“ einen umfassenden Einblick in diesen außergewöhnlichen Bestand.
Der Fernseher als Galerie
Das Archiv Gerry Schum und Ursula Wevers
30. Mai 2026 – 10. Januar 2027
Eröffnung: 29. Mai 2026, 19 Uhr
Mit der Fernsehgalerie brachten Gerry Schum und Ursula Wevers im Jahr 1969 Kunst erstmals unmittelbar in die Wohnzimmer des Publikums – ein bewusster Gegenentwurf zur Exklusivität musealer Räume und zu den ökonomischen Mechanismen des Kunstmarkts. Ihr Anliegen war die Demokratisierung künstlerischer Ausdrucksformen. „Eine unserer Ideen ist die Kommunikation von Kunst anstelle des Besitzes von Kunstobjekten“, erklärte Gerry Schum programmatisch. Zwar war Kunst auch zuvor im Fernsehen präsent, allerdings ausschließlich in dokumentarischen Formaten, nicht als Kunstwerk, das nur im Moment der Übertragung existiert. Die Fernsehgalerie war eine Reaktion auf die Krise des Kunstwerks als Objekt, die gegen Ende der 1960er-Jahre zunehmend sichtbar wurde: Prozesse, Aktionen und ortsspezifische Arbeiten entzogen sich den herkömmlichen Formen des Sammelns und Ausstellens. Die Antwort auf diese Situation war ebenso einfach wie radikal: Diese Kunst verlangte nach einem neuen Medium.
Interventionen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen
Am 15. April 1969 ging LAND ART als erste Fernsehausstellung in der ARD auf Sendung, am 30. November 1970 folgte im Südwestfunk IDENTIFICATIONS. Diese Produktionen, die heute zum internationalen Kanon der Videokunst, Land Art und Konzeptkunst zählen, entstanden in Zusammenarbeit mit 30 Künstlern, darunter Joseph Beuys, Daniel Buren, Jan Dibbets, Gilbert & George, Richard Long, Mario Merz, Richard Serra und Lawrence Weiner. Hinzu kamen die Fernsehinterventionen von Keith Arnatt und Jan Dibbets, die unangekündigt in das laufende Programm eingriffen. Die Präsentation der Werke erfolgte ohne Kommentar oder Vermittlung – ein Bruch mit der etablierten Darstellung von Kunst im Fernsehen. Als die Fernsehsender sich nach IDENTIFICATIONS weigerten, die Zusammenarbeit fortzusetzen, mussten sich Schum und Wevers den Marktstrukturen annähern, die sie ursprünglich kritisiert hatten. 1971 gründeten sie in Düsseldorf die videogalerie schum und schufen damit ein neues Modell – die erste Galerie in Europa, die sich ausschließlich der Produktion und dem Vertrieb von Videoeditionen widmete.
Das Archiv als Zeugnis künstlerischer Kooperation
Die Ausstellung gewährt erstmals Einblick in das vielfältige Archiv, das nicht nur die Zeit der Fernsehgalerie Gerry Schum und der Videogalerie Schum dokumentiert, sondern auch Schums frühe filmische Arbeiten ab 1967. Dabei wird deutlich, dass die Projekte von Anfang an von Zusammenarbeit geprägt waren: im Vorfeld mit Bernhard Höke und Hannah Weitemeier, anschließend vor allem mit Ursula Wevers, die seit Oktober 1968 die Realisierung der Fernsehgalerie Gerry Schum und der späteren videogalerie schum maßgeblich mitgestaltete.
Das Archiv umfasst 66 originale 16-mm-Filme und 81 Videobänder unterschiedlicher historischer Formate, darunter realisierte Werke, Werkvorstufen und unveröffentlichte Projekte. Hinzu kommen Tonaufzeichnungen, Zeichnungen, Collagen und Objekte von Künstler:innen, Korrespondenzen, technische Unterlagen, Drucksachen, Fotografien, Presse- und Publikationsmaterialien sowie historisches Videoequipment. Diese Materialien erzählen von der konzeptuellen Arbeit, den institutionellen Konflikten und den praktischen Bedingungen der Produktion.
Seit dem frühen Tod Gerry Schums im Jahr 1973 bewahrte Ursula Wevers das umfangreiche Archiv über mehr als fünf Jahrzehnte hinweg und sicherte ihm durch Vorträge und Ausstellungen internationale Präsenz.
„Die Übernahme des Archivs durch das ZKM bedeutet mir sehr viel und erfüllt mich mit großer Freude. Nachdem ich über viele Jahre für seine Erhaltung und Pflege Sorge getragen habe, weiß ich die Archivbestände nun in guten Händen und für kommende Generationen dauerhaft gesichert“, erklärt Ursula Wevers.
Das ZKM – Expertise in Erhalt und Erforschung audiovisueller Archive
Das Archiv Gerry Schum und Ursula Wevers zählt zu den bedeutendsten Erwerbungen für Sammlung und Archiv des ZKM in den letzten Jahren. Mit mehr als 200 Vor- und Nachlässen von Künstler:innen und Theoretiker:innen, einer Video-Forschungssammlung von über 20.000 Bändern sowie einem hauseigenen Labor für antiquierte Videosysteme verfügt die Institution über die idealen Voraussetzungen, um historische audiovisuelle Materialien zu bewahren, zu restaurieren und für Forschung und Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
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Nehmen Sie gerne Kontakt mit unserer Presseabteilung auf. Sie erreichen uns per Mail an presse@zkm.de sowie telefonisch unter 0721 8100-1220.
Bildergalerie
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Ursula Wevers, »Bei den Dreharbeiten zu Ger van Elks Beitrag zur Fernsehausstellung ›IDENTIFICATIONS‹ (II. Fernsehausstellung, Fernsehgalerie Gerry Schum)«, 1970, Schwarzweißfotografie auf Aludibond, 45 x 65 cm© Ger van Elk/VG Bild-Kunst, © Foto: Ursula Wevers, ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe
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Gerry Schum bei der Einführung zur Sendung »IDENTIFICATIONS« am 30. November 1970 in der ARD, Video: Fernsehgalerie Gerry Schum, »IDENTIFICATIONS«, 1970, 16mm-Film, digitalisiert, mit und ohne Ton, s/w, 42:24 min, Videostill© Archiv Gerry Schum und Ursula Wevers, ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe