Frankensteins Netz
Sa, 23.03.2002

Eine geheimnisvolle Kreatur nimmt Kontakt auf, per SMS oder E-Mail. Sie lockt auf ihre Webseite und verlangt Futter in Form von Text-, Klang- und Bilddateien: Input, den sie sich sichtbar und hörbar einverleibt. Und sie will immer mehr, wird größer, autonomer und schließlich unbeherrschbar.
Mythologie und Literatur reflektieren seit jeher die Furcht vor neuen Technologien und ihrer Verselbständigung. Der antike Prometheus des Aischylos und Mary Shelleys Frankenstein von 1817 sind berühmte Beispiele dieser Tradition. Atau Tanaka nimmt beide Stoffe zur Grundlage seines interaktiven Hörstücks und lässt eine Kreatur auftreten, die in den digitalen Netzwerken haust: ein agiler Datenorganismus, den es nach Kontrolle über alles und jeden verlangt, und der mit Chaos und Verderben droht. In seiner Live-Performance tritt Tanaka dem audiovisuellen Monster gegenüber, fordert es heraus und versucht, es zu zähmen.

Auf seiner Website lädt »Frankensteins Netz« ab 20. Februar 2002 seine Hörer/User zur Teilnahme ein und ist auch während der Performance offen für interaktive Eingaben. Internet-Leitungen zwischen Europa, Asien und Amerika verbinden während der Live-Aufführung Audio-Performer und VJs: I.D, Noisekünstler in Japan, Zack Settel, Stimmperformer in Montreal, sowie Atau Tanaka in Karlsruhe tauschen übers Netz ihre Daten aus und machen das virtuelle Wesen hörbar und sichtbar. Zugänglich ist das Hörspiel nicht nur per Radio: Antoine Schmitt und Peter Hanappe haben ein dynamisches Webinterface geschaffen, das die Texte, Bilder und Sounds der Hörer/User aufnimmt und wiedergibt. So spiegelt es die hörbaren und sichtbaren Wandlungen von Frankensteins Netz. Dabei wird klar, dass der digitale Organismus nicht von einem einzigen Schöpfer gezüchtet, sondern von der Vielzahl der Teilnehmer aufgezogen wird: Der Prometheus des digitalen Zeitalters sind letztendlich alle, die am Netz hängen. Das Projekt entsteht unter der dramaturgischen Leitung von Sabine Breitsameter sowie in Zusammenarbeit mit der McGill-Universität Montréal und dem IAMAS-Medienkunst-Institut/Japan.

Kooperationspartner
SWR/DLR/Radio Canada Montréal/Goethe-Institut

Begleitprogramm