Pierre Henry: Le fil de la vie
Ein Mann sitzt zwischen mehreren Plattenspielern
Preisträger des Giga-Hertz-Hauptpreises für SoundArt 2013
Sa, 29.11.2014, 21:30 Uhr CET

»Le fil de la vie« ist eine Auftragskomposition des französischen Staates und der Cité de la Musique aus dem Jahr  2012. Das Stück entstand unter Assistenz von Bernadette Mangin zwischen April 2011 und Juli 2012 im Studio de création Son/Ré, gefördert durch DRAC Île-de-France, Ministère de la Culture et de la Communication, Ville de Paris und Sacem.

Länge: 62'

Musikalische Leitung: Pierre Henry
Toningenieur und Sounddesign: Etienne Bultingaire
Musikassistentin: Bernadette Mangin
Produktion: Isabelle Warnier
Vokalist: Pierre Henry

 

Le Fil de la Vie

Prolog–Gedicht von Pierre Henry

"Gib mir die Kraft, mein Gott, ein doppeltes Leben zu führen.“ Dieses Gebet des zeitgenössischen englischen Dichters Hugo Williams steht am Anfang eines sehr bewegten Romans, der mir seit einem Jahr beim Komponieren meines Fil de la Vie oder Lebensfadens als Balancierstange dient.

»ein zeitgenössischer kopf / so einfach das porträt / strahlen eines sich drehenden rades / es ist mein atem mit dem ich denke / um zu irren / um aufzuholen / mich zu beruhigen / um zu entsagen / ich habe nichts zu fürchten / mein fahrschein ist gültig fürs leben / undeutlich nur noch ein gerücht / die unmögliche erinnerung
ein einziges konfuses gerücht / dauerte die ganze nacht / anschwellend / ersterbend / ohrenbetäubende stille
ich habe keine zeit mehr zu verlieren
atmen / lauschen / hören / die geräusche der welt
ich höre die brachvögel / alles ist geräusch«

Ich träume von einem stillen Tod, den Zeigefinger auf den Lippen, eine verzerrte Verklärung, lässig mit der Hand geklimpert vor dem ersten morgendlichen Schein.
Zugegeben, ich bereite mich schon länger auf diesen Moment vor, dem eine neue Komposition entspringt, erwartet und gehört auf des Messers Schneide, die das Reale und das Imaginäre vermengt, die andere Seite des Lebens. Aber ich habe nicht damit gerechnet, dass diese Innenschau, diese Wahrheitsprüfung mich berauschen würde, mir so schnell um die Ohren pfeifen.

»schlechte akustik heut abend / und die stille die seufzer / eine große traube knochen / baumelnd / mit kastagnettenklang
worte / durcheinander / ein babel des schweigens und der worte
ich puste / mit tönen wie aus rauch
das ohr ein saugorgan
ich höre dinge die erscheinen einen augenblick / bloß einen augenblick
es gibt lange pausen / für den nachhall / der himmel und die erde / ich habe so viel davon reden hören / wie gerede unter einer glocke
wie der lärm von ketten in meinem kopf / zerknirschen sie mich«

Die Erinnerungen fließen meistens in der Nacht. Ein Leben voller Geheimnisse, die Konzerte, Quellen des Fantastischen, markieren die Umrisse dieser Zeit.
Heute, nicht ein Geräusch, nirgends ein Zittern, der Faden meines Gedächtnisses riss wieder und wieder ab. Das Schweigen ist gebrochen: bodenlose Gewitter, nie gehörte Gestalt strahlender Klangfarben, enharmonische Abkürzungen, melodische Verzückung, Geräusche im Zickzack, Verehrung der Vögel.

»ich würde nicht hören nicht verstehen so alles kaum geboren schon stirbt / nichtssagend die ganzen ja und nein / aus diesem mund
sie sind wie seufzer / taktierend das leid / ein ja und ein nein seufzend
dieselben dinge kehren wieder / mechanisch / wie die eiseskälte / ein duo könnte man meinen / oder ein trio / ja zuweilen / sieht es so aus / dann geht es vorbei und sieht nicht mehr danach aus / hat nie danach ausgesehen / sieht nach nichts aus
welche vielfalt zugleich welche monotonie
wie bewegt doch alles ist und wie ruhig zugleich
das wäre der erste schritt der langen machbaren reise«

Eine gespenstische Qual unterbricht meine Stimme. Meine Trommelschlägel verwandeln sich in eine Strömungszone wie eine Kreuzung bei Nacht. In der Ferne Klänge aller Verkehrsströme.

»alles andere ist verstummt / wenn ich verstumme setzen die anderen geräusche wieder ein
aber ich bleibe stumm / ich weine auch / ich spreche leiser / jedes jahr ein wenig leiser / und langsamer / jedes jahr ein wenig langsamer
klänge und tränen / meine worte sind meine tränen
es ist immer dasselbe murmeln / plätschernd / beständig / wie ein einziges endloses wort
plötzlich eine dampfsirene / im nebel / verlangsamtes tempo / das dürfte die epoche beschließen«

Mein musikalisches Gehirn hat Farben, die ich nicht in Noten fassen kann, sie übertreffen mein Gehör.
Ich taste mich langsam auf dem Faden voran, der sich seit einem dreiviertel Jahrhundert entrollt, meine Augen robben jeden Tag über die vielen tausend analogen Stücke auf der Suche nach dem „Thema der Dauer“. Häufig setzt sich eine kleine Gefühlswallung, die ich auf dieser Forschungsreise verspüre, im Kopf fest und entwickelt sich zu einem elektromagnetischen Impuls, der meinen Schädel in Schwingung versetzt.
Mein seelisches Unvermögen, neuen Tönen zu folgen, führt mich zu einem geheimnisvollen und absichtlich geheimen Wortschatz, der sich häufig aus Mouvement-Rythme-Etude speist – Bewegung, Rhythmus und Studie –, des modernen und vieldeutigen Inhalts wegen, der dann als Ganzes umgeschnitten und fein zerhackt wird. Und um die Wandlungen des Lebens aufzuzeigen, die Linie der Tage, den Fluss meines Lebens, erlege ich mir eine neue Dimension der horizontalen und zugleich vertikalen Deutung auf. Ich nötige diesen neu geschaffenen Teilen ein lebhaftes Schicksal auf in einer kohärenten Einheit, die die stilistischen Abdrücke meiner wegbereitenden Komposition der 1970er Jahre entschlüsselt. Mouvement-Rythme-Etude ist gewissermaßen die Sanduhr des Jahrhunderts.

»seine werke gerade noch lebendig / es ist eine wahre freude
bis in alle ewigkeit nichts als tote worte
schatten und lallen
gehaucht mit den gleichen worten wie immer
dies zum repertoire hinzufügen
gemeine worte, um mich glauben zu lassen, dass ich da bin
meine worte, die nicht mir gehören
wo das wasser / mit demselben geräusch flüchtet wie vor sechzig jahren«

Dennoch, das objektive Hören der Noten-Töne von kurzem oder langem, oft zweifelhaftem Wert bringt mich dazu, unangebrachte Töne in meine neue Partitur einfließen zu lassen, wie Risse von Beckett, dessen Werke mich anregten, diese Komposition meines Lebensfadens zu strukturieren – daher dieses Gedicht: eine Montage, respektlos umgeschnitten nach Texte um Nichts (1950). Diese neue Arbeit stellt endlich meine mentale Software auf den Kopf, die die Mikrostrukturen automatisch in allen Einzelheiten speichert und sie dann mit meiner Urdatenbank vergleicht.
Es vergehen die guten, die schlimmen Erinnerungen.
Misstönender Glockenklang zieht sich dahin, schlängelt sich, plumpst.
Ein kurzes Stück Ariadnefaden. Nunmehr wie ein Glockenspiel im Kopf. Ein Chor-Mantra. Das Leben …

»die worte / sie versiegen / die letzten schaffen / dem ende entgegen / eine gute agonie / man beginnt zu brüllen / besser schweigen / kollabierend krepieren / stumm platzen / es ist vielleicht sonntag / ein sonntag im sommer / jetzt / trockenes / flüssiges / schlamm
noch nie hat das meer aus so großer ferne gegrollt
meer unterm schnee / roter lichtschimmer / es ist vollbracht / es endet hier / ich ende hier
irgendwo eine stimme ohne mund / und ein gehör / etwas, das hören muss / nur noch die stimme ist / säuseln und hinterlässt spuren
spuren, sie will spuren hinterlassen
ein staubkörnchen segelt herab / ein kurzer augenblick / letzte bilder / ende der träume«

Notabene: Kommen wir zur Wiege dieses Lebensfadens: Konzipiert wurde er mit der freundschaftlichen Mitwirkung von Brian Tairaku Ritchie und seiner Shakuhachi-Flöte sowie von Jon Rose und Hollis Taylor mit ihren verbindenden und magischen Klängen australischer Einzäunungen.

[Übersetzung: Caroline Gutberlet, Jochen Arne Otto]

 

PIERRE HENRY

Pierre Henry wurde am 9. Dezember 1927 in Paris geboren und erlernte das Musizieren seit seinem siebtem Lebensjahr. Im Jahr 1944 komponiert er, angeleitet durch Olivier Messiaen, und denkt über die Musik der Zukunft nach. Seine Begegnung mit Pierre Schaeffer ist entscheidend für sein Schaffen. Als Erfinder technischer Kompositionsverfahren, die heute großenteils standardisiert sind, hat er unablässig dieser Musik einen Atem gegeben und eine Ambition, wie man es zu Beginn nicht vermutet hätte, indem er ein so umfangreiches wie vielfältiges Werk schuf, das nach wie vor große Wirkung auf ein Publikum aller Generationen ausübt. Darüber hinaus hat er einen eigenen Sound entwickelt, persönlich und wiedererkennbar wie der einiger berühmter Jazzmusiker, und eine Welt von kosmischem Ausmaß geschaffen, eine wahrhaftige Welt, in der das Archaische und Mythische auf das Vertraute treffen, eine Welt, die die Wunder, die Hoffnungen und Obsessionen unserer Zeit besingt.
[Michel Chion, in »Pierre Henry«, Editions Fayard, 2003]

 

Impressum
Projektteam

Organisation: Michael Hohendorf, Marie-Kristin Meier, Yannick Hofmann, Luise Wiesenmüller
Set-Up Akusmonium: Hartmut Bruckner, Holger Stenschke
Tontechnik: Jesús Jara, David Luchow, Matthias Müller, Manuel Urrutia
Licht: Manuel Weber
Veranstaltungstechnik: Peter Kuhn, Cornelius Reitmayr, Berthold Schwarz, Florian Vitez, Dominik Willisch
 

Organisation / Institution
ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie

Mitwirkende