The Art of Me, Myself, and I
Zu sehen ist eine Person, die ein transparentes Oberteil trägt. Die Person hat kurze Haare, trägt einen Schnauzbart und hat ovale Formen im Gesicht aufgemalt.
Di, 13.12.2022 18:00 Uhr CET, Gespräch
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Timm Ulrichs zählt zu den bekanntesten Aktions- und Konzeptkünstler:innen der Gegenwart. Mit mehr als 150 Arbeiten hat er in der Sammlung des ZKM | Karlsruhe einen bedeutenden Platz inne. Objekte, Skulpturen, Fotografien, Grafiken und Filmsequenzen laden zu einer Entdeckungsreise in die Gedankenwelt des selbsternannten »Totalkünstlers« ein. Im Gespräch mit Sarah Donata Schneider spricht er über die Macht der Worte, das Künstler-Ich und den Wert der Idee.

Die Wiederentdeckung des Dadaismus in den 1950er-Jahren war nicht allein Grundlage für Stilrichtungen wie Pop-Art und Nouveau Réalisme. Bis heute bestimmt der sogenannte Neo-Dadaismus das Werk des 1940 in Berlin geborenen Timm Ulrichs. In Hannover, wo sich der Künstler nach Kriegsende an der Technischen Hochschule für Architektur eingeschrieben hatte, begründet er 1959 seine »Werbezentrale für Totalkunst & Banalismus«. Schon während er in den Semesterferien als Zeichner am Bauamt der Stadt Hannover tätig war, verkaufte er hier zwischen Georgstraße und Steintor Softeis als essbare Kunst-Ware unter dem Titel »cool art«. Sieben Jahre später, nach Abbruch des Studiums, folgte schließlich die bis heute gültige Umbenennung der Firmierung in »Kunstbetrieb Timm Ulrichs, Hannover«. In Anlehnung an den Begründer der Merz-Bewegung Kurt Schwitters und mit dem kämpferischen Pathos Raoul Hausmanns, eines Mitglieds der Berliner Dada-Gruppe, widmet sich Timm Ulrichs in seinem Kunstbetrieb einer Entgrenzung des tradierten Kunstbegriffs.

Nicht das Kunstwerk an sich ist für Timm Ulrichs von Belang, sondern die Idee. Seine Arbeiten fordern, wie es der Kurator und Museumsdirektor Bernhard Holeczek in den 1990er-Jahren formulierte, »Kopfarbeit vom Betrachter, nicht nur geduldiges Sehvermögen«1. In diesem Sinne war für Timm Ulrichs die Auseinandersetzung mit Marcel Duchamps Verfahren des »Readymades« – Duchamp erwarb 1914 in einem Kaufhaus einen Flaschentrockner und erklärte ihn zum Kunstwerk – maßgeblich: »Nachdem ich diese Theorie begriffen hatte, schien es mir notwendig, dass man sie zu einem Endpunkt führt und nicht nur Flaschentrockner ausstellt, sondern sich selbst ausstellt.«2 In der Folge ließ sich der Künstler 1961 Visitenkarten mit der Aufschrift »erstes lebendes Kunstwerk« drucken und stellte sich selbst unter diesem Titel aus.

Timm Ulrichs handelt, wie er es selbst beschreibt, als Auftragskünstler. Doch statt wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts Aufträge entgegenzunehmen, hat er die Situation wie in einem seiner zahlreichen Wortspiele verkehrt: Er selbst vergibt nun die Aufträge zur Produktion seiner Werke.

Sein Werkkomplex, der bis heute mehrere hundert Arbeiten einschließt, lässt sich in seiner Vielfalt kaum fassen. Die seit den 1960er-Jahren entstandenen Fotografien, Zeichnungen, Gemälde, Skulpturen, Objekte wie auch poetischen Texte, Filme, Performances und Videoinstallationen entziehen sich einer einzelnen kunsthistorischen Tendenz. Gemeinsam ist ihnen, dass sie den Blick auf Bekanntes, das Timm Ulrichs mit großem Einfallsreichtum zu verändern weiß, in Frage stellen. Auf diese Weise werden gegenwärtige Verhältnisse zwischen Individuum und Gesellschaft oder Mensch und Natur ebenso neu verhandelt wie Kunst und Kosmos.

»The Art of Me, Myself and I« ist eine Veranstaltung der Online-Gesprächsreihe »The Art of..«, die sich Künstler:innen und Theoretiker:innen mit Bezug zu der Sammlung und den Archiven des ZKM widmet. 

 

Der Spiegel, Nr. 52, 26.12.1994, S. 172.

2 Timm Ulrichs, in: Kunstverein Braunschweig (Hg.): Timm Ulrichs. Retrospektive 1960–1975, Braunschweig 1975, S. 8.